Gesamtansicht Rezensionen
Die wechselvollen historischen Ereignisse sind es, die den Nahen Osten für Europa interessant machen, wie auch seine geografische Lage als Brücke zwischen Orbis orientalis et occidentalis, die für europäische Mittelmeeranrainer das Tor in eine fremdartige, kulturell anziehende Welt bedeuten. In der Antike Teil der römischen Zivilisation wie so viele heute selbstständige Staaten im Westen und Osten unseres Kontinents, war und blieb der Orient Teil einer europäischen Erinnerungskultur. Nach und nach durch die arabische Eroberung der Region bis schließlich zum Fall Konstantinopels, wurden die Gebiete des Nahen Ostens für Europa unbekanntes Land. Die Stätten der Bibel, die die Religion der nachrömischen Zivilisationen prägte, waren nur noch Namen, für Gläubige kaum noch erreichbar. …
Rainer Maria Rilke ist der nach Goethe meistgelesene deutschsprachige Dichter weltweit; Zeitgenossen priesen und höhnten ihn. Die Biographik und Sekundärliteratur über Rilke sind längst unübersehbar geworden. Dabei gibt es, so Hugo von Hofmannsthal, „kein gewagteres Unternehmen als den Versuch, ein Individuum darzustellen.“ Heute wird vieles ausgeleuchtet, demaskiert. Nein, es gibt kein gewagteres Unternehmen, als dieses Leben, dieses Werk in seiner geschichtlichen und künstlerischen Zeit und Zeitgenossenschaft darzustellen. …
Vor etlichen Dezennien hatte ein seinerzeit bekannter, umstrittener (und jetzt langsam dem Vergessen anheim gegebener) Kritiker öffentlich gemault: „Die Literatur Israels ist sehr schwach.“ Klar, wenn man außer Ephraim Kishon niemand anderes kennt … Dies zeigt uns lediglich eins: das unzulängliche Niveau der Literaturkritik in Deutschland, die glaubt, aufgrund von mangelhaftem Wissen ein Urteil abgeben zu können. Doch ein fundiertes Urteil ist nur möglich aufgrund umfassender Sachkenntnis. Wir hätten es längst besser wissen können: – allerspätestens seit der 1996 auf Deutsch publizierten Literaturgeschichte Israels „Geschichte der modernen hebräischen Literatur. …
Eine solche Unterbreitung des, wie es heißt, „nicht leicht zu fassend[en]“ (S. 35) Beziehungsgefüges von Gattung und Gesellschaft ist geeignet, regelrecht ein Nest von mehreren Triggern aufzuscheuchen. Schon dass die beiden Bereiche als auch je eigene Pole gefasst werden, muss auf die Bewertungen der hier getätigten Aussagen durchschlagen, die Rezeption polarisieren. Die im Untertitel beschworene Unentrinnbarkeit von Spannung, wird, sowohl in der Argumentationsabfolge wie im Kalkül, mit welchen Einwänden und Protesten man aufgrund der Positionen im Vortrag rechnen sollte, bestätigend eingelöst. …
Im Volumen liegt das Schwergewicht dieses Werks auf der besonders optischen, numerischen und versprachlichten Unterbreitung eines zur weiteren auswertenden Behandlung harrenden Datenmaterials. Es greift jenes für den Gesamtstaat, damals ‚Kaisertum Österreich‘, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konzipiertes Projekt der „Superlative“ (S. 13) einer Bewertung zum Zweck der Verwertung auf, um es heute den völlig gewandelten, aktuellen Fragekomplexen zur Verfügung zu stellen. …
Diese Studie von Emma Hagström Molin stellt eine Übersetzung ihrer schwedischsprachigen Dissertation aus dem Jahr 2015 dar. Einleitung und Schluss wurden für diese Ausgabe neu verfasst, wobei diese drei Fallstudien umrahmen. Die Verfasserin betrachtet die Gegenstände ihres Werks von einem „object-biographical viewpoint“ (S. 52) aus. Die Wandelbarkeit der untersuchten Gegenstände und ihre instabilen Rollen in changierenden Sammlungszusammenhängen sind die leitenden Grundgedanken dieser Arbeit. …
Ausgehend davon, dass es wohl darin keinen „finalen, statischen Zustand“ (S. 33) gibt, dient der hier in äußersten Grundlinien, sehr knapp gebotene historische Heraufzug der „Entwicklung moralischer Erkenntnis“ (S. 8) dazu, die diesbezügliche aktuelle Bedarfslage besser einschätzen zu können, wo heute „doch irgendeine Entwicklung zweifellos gebraucht wird“ (S. 109). Damit ist auch schon die bei der Moralentwicklung unabdingliche, einem Gesetz gleichende Relevanz eines fortlaufenden Aktualisierungsbedarfs zum Überdenken dessen, was in der jeweiligen Zeitphase als gültig anerkannt wird, ausgesprochen. …
„Die Seelen aller Dichterinnen sind aus Licht entstanden, genau wie ein Sternenzelt: es blendet nicht, es erleuchtet.“ Starke Worte einer selbstbewussten Dichterin! Und dabei keineswegs selbstverständlich – denn wenn wir uns die portugiesische Literaturgeschichte – bzw. ihre bekanntesten (und zum Teil auch in Deutschland durch Übersetzungen bekannt gemachten) Vertreter vergegenwärtigen, bekommen wir zwingend den Eindruck, dass Portugals Literaturgeschichte eine männliche ist, Männerliteratur, denken wir nur an z. B. den großen portugiesischen „Nationaldichter“ Louís de Camões (1524 oder 1525-1580 in Lissabon). …
Diesem Band liegt Eriks Richters geringfügig überarbeitete Dissertation zu Grunde, welche im Wintersemester 2021/22 an der Universität Magdeburg zur Begutachtung eingereicht wurde. Diese Forschungsleistung Richters dient zwei Zielen zugleich: Zum einen sollen landesgeschichtliche Forschungslücken geschlossen werden; zum anderen will sich die Studie in einen breiteren Forschungsdiskurs zur Herrschaft von Frauen in der Frühen Neuzeit und zu Chancen und Herausforderungen von weiblich geführten geistlichen Institutionen in der Reformationszeit einschreiben. …
Fünf Beispiele hier so genannter „Vorfallenheiten“ (S. 149) greift der Autor heraus, vier Mal mit großen zeitlichen Abständen, allesamt auf einem räumlichen Substrat, das unter habsburgischer Herrschaft. Die wohlweislich ‚Aufstände‘ genannten Eruptionen von Kriegsspektakeln, sind, bei entsprechend regionalen (sozialmentalen, ökonomischen usw.) Unterschieden, hier weniger miteinander verglichen, sondern erscheinen als jeweilige Brennpunkte: aufgefädelt auf einem Band eines die Zeiten „kontinuierlich aufflammenden Widerstands, des Aufbegehrens und der Widersetzlichkeit, der Selbstermächtigung“ (S. 148). …


