Amos Oz
Autor, Friedensaktivist, Ikone. Aus dem Englischen von Ursula Kömen

Eine Biographie, die Spuren hinterlassen wird
Robert Alter über Amos Oz

Vor etlichen Dezennien hatte ein seinerzeit bekannter, umstrittener (und jetzt langsam dem Vergessen anheim gegebener) Kritiker öffentlich gemault: „Die Literatur Israels ist sehr schwach.“ Klar, wenn man außer Ephraim Kishon niemand anderes kennt … Dies zeigt uns lediglich eins: das unzulängliche Niveau der Literaturkritik in Deutschland, die glaubt, aufgrund von mangelhaftem Wissen ein Urteil abgeben zu können. Doch ein fundiertes Urteil ist nur möglich aufgrund umfassender Sachkenntnis.

Wir hätten es längst besser wissen können: – allerspätestens seit der (fünfbändigen; ab 1977, in der deutschen Übersetzung indes leider auf einen Band zusammengekürzt) 1996 auf Deutsch publizierten Literaturgeschichte Israels „Geschichte der modernen hebräischen Literatur. Prosa von 1890 bis 1980“ des Literaturhistorikers Gershon Shaked (1929-2006). Dieses Mammutwerk behandelt indes nur die Erzählprosa Israels – die Dichter/INNEN Israels kommen darin nicht vor – weder Chaim Nachman Bialik noch Nathan Alterman oder Leah Goldberg oder Tuvia Rübner oder David Rokeah oder Tirza Atar (die Tochter Nathan Altermans und selbst Dichterin, Kinderbuchautorin) oder Asher Reich oder Zelda Schneerson (auch: Schneurson) oder Jehuda Amichai. Auch die jüngste, innovative hebräischsprachige Literatur – d. h. die sog. Dritte Generation - vertreten z. B. durch Savvyon Liebrecht – Mira Magén – Zeruya Shalew – David Grossman – Lea Aini – Batya Gur - Eleonora Lev – Schifra Horn (1951 geboren) – Dror Mishani (1975 geboren) müsste Thema in einer neuen Monographie werden.

Die Literatur Israels ist sehr stark – und drei Autoren standen immer wieder für die Zuerkennung des Literaturnobelpreises im Fokus der Diskussionen: Der Dichter (er schrieb aber auch Erzählprosa und ein Hörspiel) Jehuda Amichai (1924 als Ludwig Pfeuffer in Würzburg geboren) – Abraham B. Jehoschua – und Amos Oz. – Dass es bei keinem der Genannten zu einer Ehrung in Stockholm kam, hat weniger mit der Befähigung dieser Schriftsteller (die jenseits aller Zweifel ist) zu tun als ganz offensichtlich mit politischen Fragestellungen beim Nobel-Komitee (die letzte Nobel-Preis-Ehrung für einen israelischen Autor erging 1966 an Schai [hebr. Abkürzung für Schmuel Josef] Agnon, zusammen mit Nelly Sachs).

Dem Ruhm, der Anerkennung bei Leser/INNEN und Kritik im Land tat das bei Keinem Abbruch. Im Gegenteil: Ich habe den Eindruck, dass kein Volk seine geistige Elite in so hohen Ehren hält wie das israelische: Nach dem Tod von Jehuda Amichai im September 2000 waren auf Tage die Medien (Maariw und Jediot acharonot) voller Berichte, Rückblicke und Interviews; eine Briefmarke mit dem Porträt des Dichters kam in Umlauf. Und es waren Dichter/INNEN – z. B. auch Nathan Alterman (1910-1970) die von engagierten Leser/INNEN in den Rang eines Nationaldichters/einer Nationaldichterin erhoben wurden.

Um auf Amos Oz zu kommen: In einem seiner (zahlreichen) Interviews erklärte er: „Nennt mich nicht Nationaldichter.“ Obwohl er auch als Friedensaktivist, Hochschullehrer und Vortragsredner angesehen und erfolgreich war, blieb er offenbar unprätentiös. Sein umfangreiches Werk – Romane – Erzählungen – Kinder- und Jugendbücher – Interviews – Essays, d. h. Statements und Streitschriften zur politischen Lage in Israel – wurden in mehrere Sprachen übersetzt – am erfolgreichsten – Übersetzungen in 40 Sprachen – war sein 2002 publizierter Roman seiner frühen Jahre „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (dt. 2004; Übersetzerin: Ruth Achlama). Der langjährige Freund Robert Alter berichtet in seiner Amos-Oz-Biographie, dass der Schutzumschlag der hebräischen Ausgabe ein Bild von Pablo Picasso zeigt, aus seiner blauen Periode, Die Tragödie, „das eine Mutter, einen Vater und ihren kleinen Sohn zeigt, die Köpfe in Trauer geneigt, in düsteren Blautönen gehalten, die ins Grau übergehen.“ Dazu korrespondiert der Satz – in der deutschen Übersetzung: „Und sogar damals, in Tel Arsa, an jenem Schabbat morgen, als Mutter an einen Baum gelehnt saß und Vater und ich unsere Köpfe auf ihre Knie legten, und Mutter uns beide streichelte, sogar in jenem Augenblick, der mir der kostbarste aller Momente in meiner Kindheit ist, trennten uns tausend Jahre der Finsternis.“ Seinem Biografen Alter schrieb er indes in seiner persönlichen Widmung: „Die Geschichte wurde in Tagen der Dunkelheit geschrieben, aber sie versucht, in der Dunkelheit einige Funken Licht zu finden.“ Robert Alter kommentiert: „ Diese Funken sind wichtig, sie müssen gemeinsam mit der Dunkelheit berücksichtigt werden.“

Die deutschsprachige Ausgabe des Romans zeigt ein offenbar altes Foto eines Jungen, mit einem Rucksack, der Junge steckt seine Finger in den Mund. Im Hintergrund sieht man die Rückansicht weiterer Personen und Gebäude. Das Foto zeigt nicht den Jungen Amos Klausner (so sein ursprünglicher Name). Auf der hinteren Umschlagklappe des Buches finden Sie die Angabe: „Leonard Freed/Magnum/Agentur Focus.“ Leonard Freed (1929-2006), weiß Wikipedia zu berichten, war als Fotograf seit 1972 Vollmitglied bei Magnum Photos. Er hatte zuerst Maler werden wollen, bevor er 1954 in den USA Fotografie studierte. Seit 1962 begann er als freier Fotograf zu arbeiten. Edward Steichen bezeichnete Freed als „einen der drei besten jungen Fotografen“ – ein Ritterschlag. 1968 veröffentlichte Freed „Black White America“, einen Bildband über Afro-Amerikaner in Harlem, der als Beitrag zur US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung Anerkennung fand. Bekannt wurde Freed auch mit seinen Fotoreportagen über die arabisch-israelischen Kriege 1967 und 1973. Vermutlich ist das Titelfoto der deutschsprachigen Ausgabe von „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ dieser Reportage entnommen.

Der 1935 geborene New Yorker Literaturwissenschaftler und Professor Emeritus der University of California in Berkeley Robert Alter, der u. a. 2015 eine Edition der Gedichte Jehuda Amichais veröffentlichte, erklärt die Art und Zielsetzung seiner Arbeit über Amoz Oz im Kapitel „Epilog“: dass es sich nicht um „die Art Biographie“, handele, „die das Kommen und Gehen und Handeln ihres Protagonisten Monat für Monat nachzeichnet. Ein solcher Ansatz generiert schnell dicke Wälzer von 1000 Seiten. Das Porträt des unverwechselbaren, lebendigen Menschen bleibt in solchen Darstellungen jedoch häufig eher blass. Mein Ansatz war ein anderer. Amos Oz war eine vielschichtige Persönlichkeit. In mancher Hinsicht entsprach er nicht der Person, für die man ihn hielt. Der offensichtliche Grund, warum wir uns überhaupt für sein Leben interessieren, ist, dass er ein Werk hinterließ, mit dem sich eine breite Leserschaft intensiv auseinandergesetzt hat, zunächst in seinem eigenen Land und dann auch auf der ganzen Welt.“ Alter warnt uns, das Werk von Amos Oz – auch wenn es Gegebenheiten aus dem Leben des Autors spiegele – „als Repräsentation seines Lebens ´dekodieren´ zu wollen, genauso wie es umgekehrt falsch wäre zu glauben, dass sein Leben seine Literatur erklären könnte.“ Absicht Alters ist es, „verschiedene Zeugnisse und Aussagen – von ihm selbst und von jenen, die ihm nah genug standen, um seine Ambitionen, seine Selbstzweifel zu kennen und zu wissen, was ihm wichtig war und was er durchgemacht hatte – mit der Lektüre einiger seiner zentralen Texte zusammenzubringen, die mir aus der inneren Welt des Menschen zu schöpfen schienen.“ Bei der Darstellung seines Lebens habe Alter „versucht, seine Literatur als eine Abfolge fantasievoller Schöpfungen zu würdigen, die nicht notwendigerweise seine eigenen Erfahrungen widerspiegeln.“

Robert Alters Untersuchung besteht aus sechs großen Kapiteln, die von sowohl von wichtigen Stationen des Lebens seines Protagonisten handeln als auch der Entwicklung von Selbstverständnis und Werkidee – „Kindheit“ – „Kibbuz, Liebe, Armee“ – „Der Schriftsteller“ – „Freunde, Familie und öffentliche Auftritte“ – „Der Aktivist“ – „Bilanz“. Außerdem gibt es eine Anrede „An meine Leserinnen und Leser“ und den „Epilog“. Die Stringenz und innere Logik der Kapitel-Einteilung bedeuten nicht, dass auch die Vorstellung und Interpretation der Texte des Autors in ebendieser Reihenfolge geschehen würde – Alter kommt mehrfach und unter unterschiedlichen Fragestellungen auf bestimmte Themen im Werk zurück, vor allem natürlich von „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Es gibt also sowohl literarische als auch lebensgeschichtliche Überschneidungen in den Kapiteln der Untersuchung. Wohlgemerkt: Eine rein literaturhistorische Monographie ist es so wenig wie eine bloße Biographie. Alters Arbeit ist beides – und noch mehr.

Robert Alter unterscheidet – auch in der Namensnennung – zwischen dem Freund Amos (er und der Biograph waren „ein halbes Jahrhundert lang Freunde gewesen“) und dem öffentlichen Blick auf ihn als Person. Das Kind nennt er Amos Klausner; den Namen Oz (hebr. für „Kraft“) gab sich der Schriftsteller erst später. Der Roman – ausdrücklich keine Autobiographie ! – „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ vermittelt uns, dichterisch verfremdet und als Essenz einer schwierigen Biographie, Elemente aus den Anfängen des Autors: die Zweizimmer-Erdgeschoßwohnung im Jerusalemer Stadtteil Kerem Awraham, wo Amos in den 1940er Jahren aufwuchs, vom Viertel und seinen unterschiedlichen Bewohnern – Einwanderer – Anarchisten – aufstrebende junge Schriftsteller – militante zionistische Nationalisten, „unermüdliche Kämpfer für den einen oder anderen unerreichbaren Traum“. Die Lebensbedingungen sind ärmlich, oft ans Existenzminimum grenzend. Detailliert beschreibt Amos Oz das Elternhaus – Vater und Mutter, beide literarisch interessiert und begabt (die Mutter las „Gedichte und Belletristik in einem halben Dutzend Sprachen“, der Vater „liebte Bücher, war ein unerbittlicher Pedant, redete pausenlos, um seine soziale Unbeholfenheit wortreich zu überspielen, gab aus Nervosität immer wieder schlechte Witze zum Besten und blickte durch kleine runde Brillengläser auf die Welt“, schreibt Alter) – und beide eigentlich entwurzelt und nicht einmal zueinander passend: Die Familie des Vaters stammte aus Odessa, aber die Familie floh vor den Bolschewiki nach Wilna, wo Jehuda Arie (seine Frau Fania wird ihn nur Arie nennen) das hebräische Gymnasium besucht und sich später an der dortigen Universität einschreibt.

Die Charaktere, auch die lebensgeschichtlichen Vorrausetzungen der Eltern waren extrem unterschiedlich: Fania wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen in Rowno (damals Polen) auf – ihr Vater war Besitzer eine Mühle. Anfang der 1930er Jahre machte der Vater Konkurs und Fania musste ihr Studium an der Universität Prag aufgeben; 1934 wanderte sie nach Palästina aus. Ihre Anmut und Schönheit faszinierten viele Menschen. Später litt sie an einer schweren Depression, die wahrscheinlich in eine Psychose abglitt. An anderer Stelle differenziert Robert Alter: „Fania und Arie Klausner waren nicht, was ich als entfremdet bezeichnen würde. Es gab keine offenen Auseinandersetzungen, keinen lauten Streit und bis zum Schluß behandelten sie einander rücksichtsvoll, mit Sympathie, sogar mit Mitgefühl. Doch sie bewohnten zwei verschiedene Planeten, in eigenen Umlaufbahnen, die sich unaufhaltsam voneinander entfernten.“

In „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ bediente sich Amos Oz „romanhafter Methoden“, „um der im Wesentlichen fiktiven Erzählung über seine Kindheit und seine Familie Gestalt zu geben“. Doch hatte Oz in Interviews darüber unterschiedliche und z. T. widersprüchliche Aussagen gemacht. Der Autor hatte sich erst spät dazu durchringen können (in z. T. romanhafter Verfemdung und Verdichtung), über das große Trauma seiner Kindheit zu schreiben. Robert Alter weist indes auf einen kurzen Text aus dem Jahre 1975, „Eine autobiographische Notiz“, der drei Jahre später in dem Essayband „In diesem blauen Licht“ erschien (Titel der englischen Übersetzung von 1995: „Under this Blazing Light“), wo wir diese Bemerkung lesen: „Aber Fania, meine Mutter, ertrug ihr Leben nicht und beging 1952 aus all ihrer Enttäuschung oder Sehnsucht Selbstmord. Nichts war ihr gelungen.“

Ich glaube, diese Erklärung trifft wohl eher zu: Das unverschuldete Scheitern einer vom Leben und in ihren Erwartungen hochbegabten Frau – als die schulmedizinische „Diagnose“: „Depression, die in eine Psychose abglitt.“ Alter schreibt auch: „Die tatsächliche Ursache für ihren Zustand nachträglich zu ermitteln, ist unmöglich. Es könnte auch ein genetisch bedingtes chemisches Ungleichgewicht gewesen sein. Es werden mehrere Faktoren einen Beitrag zu der zunächst allmählichen, dann rapiden Verschlechterung ihres Zustands geleistet haben: der Zusammenbruch ihrer vertrauten Welt und die Flucht nach Palästina; dann, nach der Niederlage Deutschlands, die Nachricht über den Massenmord in Rowno, dem so viele ihr nahe stehende Menschen zum Opfer gefallen waren; vielleicht auch die permanente Belastung, einen Haushalt unter ärmlichen Bedingungen führen zu müssen, nachdem sie in Wohlstand aufgewachsen war.“

Der erst dreizehnjährige Amos Klausner fühlte sich nach dem Selbstmord der Mutter im Stich gelassen, ungeliebt - was ihn wütend machte: „Eine Wunde, die nie verheilte.“ Auch der Vater scheint ein schwieriger Charakter gewesen zu sein (es kommt später zu einer Entfremdung zwischen Vater und Sohn, als dieser beschließt, in einen Kibbuz zu gehen – offenbar ein Protest gegen die intellektuelle Existenz der Eltern?), das hängt offenbar auch mit dem Onkel, Joseph Klausner, zusammen, der den Neffen Arie nicht fördern wollte. Joseph Klausner war „ein Mann mit einem gewaltigen Ego. An Samstagabenden nahmen Amos und seine Eltern gemeinsam mit anderen Gästen am Esszimmertisch Platz, allesamt handverlesene Bewunderer, und Klausner referierte mit seiner piepsigen Stimme über eine Vielzahl von Themen. Politisch rechts stehende Zionisten, wie es alle Klausners waren, verstanden diese Ergüsse als vernichtende Anprangerungen der sozialistischen Zionisten, die Klausner als Handlanger Moskaus und feige Verräter der nationalen Sache betrachtete. Sein Lieblingsthema jedoch war sein eigenes Schaffen. Seiner Ansicht hatte es nie die grandiose Anerkennung erfahren, die es verdiente, und so wetterte er gegen seine Kritiker. Manchmal sprach er auch über einen neuen Artikel, an dem er gerade schrieb und von dem er glaubte, er werde sämtliche etablierte Vorstellungen vom Kopf auf die Füße stellen und die intellektuelle Welt in ihren Grundfesten erschüttern. Auch haderte er damit, dass man ihm einen Lehrstuhl für Literatur und nicht für Geschichte angeboten hatte, vielleicht hatte er auch insgeheim erwartet, für beide Disziplinen berufen zu werden. Heute ist er in Vergessenheit geraten (…), seine Schriften haben kein geistiges Erbe hinterlassen. Sein Neffe Arie jedoch bewunderte ihn und träumte davon, das akademische Erbe seines Onkels anzutreten. Doch dazu kam es nicht, und so endete Arie als untergeordneter Bibliothekar in der Nationalbibliothek. Joseph Klausner zog es nicht in Betracht, ihm zu einer Anstellung an der Universität zu verhelfen, da er fürchtete, er könne der Vetternwirtschaft bezichtigt werden.“ Alter berichtet dann über die Feindschaft zwischen Joseph Klausner und S. J. Agnon: „doch die Feindseligkeit zwischen ihnen war asymmetrisch, denn Klausner war ein selbsternanntes Genie und Agnon tatsächlich eines.“ Ari dagegen, „so sehr er seinen Onkel Joseph bewunderte, würdigte Agnon als großen Schriftsteller.“

Im zweiten Kapitel wird von einem weiteren Trauma des Kindes Amos berichtet: Während die Mutter seelisch verfiel, hatte sich der Vater bereits einer anderen Frau zugewandt, offenbar eine Caféhausbekanntschaft. „Der kleine Amos hatte, zu seinem großen Entsetzen, die Liaison entdeckt, als er mit einem Freund durch die Innenstadt von Jerusalem streifte. Mit seiner Stiefmutter wollte er nicht viel zu tun haben, und er hatte keinerlei Ambitionen, mit seinem verschlossenen Vater und dessen neuer Frau zusammenzuleben. (…) Vater und Sohn waren einander zur Last geworden.“

Der erste Schritt des Auszugs war ein erst zeitlich begrenzter Aufenthalt im Sommer 1953 in einem Kibbuz im Norden des Landes: der Vater hatte das arrangiert, weil einige Verwandte in der Nähe wohnten. Später wählte der Vater den Kibbuz Hulda in der Küstenebene, damit Amos das Baccalaureate erlangen konnte, die Voraussetzung für ein Studium. Der Anfang im Kibbuz war sicher schwer: Das Einzelkind musste sich an ein Kollektiv gewöhnen, das jeden Schritt mit Argwohn betrachtete. Statt Bücher zu lesen, arbeitete der junge Amos jetzt auf dem Feld; er sah sich als „angehender Arbeitersozialist“. Unter der Sonnenbräune blieb er unsportlich, er war weder athletisch noch körperlich stark, die anderen akzeptierten ihn nicht als dazugehörig. Seine Gedichte nahm man nicht ernst. Die anderen Jungs, stärker als er, verprügelten ihn.

Amos änderte seinen Nachnamen, denn ein Kausner ist im Deutschen ein Einsiedler – Oz ist das hebräische Wort für „Stärke“ und „wird in der Bibel auch mit militärischer Stärke assoziiert. Es ist das, was Amos anstrebte, neben der Sonnenbräune des Feldarbeiters. Diese Namensänderung war „ein klares Bekenntnis zur Loslösung von der gesamten Familie Klausner“, von familiären Bindungen. Wenig später zog der Vater mit seiner zweiten Frau (mit der er zwei Kinder bekam) nach London, um dort seine Doktorarbeit über hebräische Literatur abschließen zu können, so gelang ihm spät doch noch der Sprung vom einfachen Bibliothekar zur lang ersehnten akademischen Laufbahn.

Nach und nach wurde Amos Oz ein erfolgreicher Schriftsteller, seine Honorare flossen selbstverständlich in die Kibbuzkasse, aber er hatte nicht einmal ein eigenes Arbeitszimmer. Nachts schloss sich der starke Raucher in die Toilette zurück, klappte den Toilettensitz herunter und schrieb, ein dickes Buch als „Schreibtisch“ auf dem Schoß. Erst viel später wurde Amos Oz tageweise von seinen Arbeitsverpflichtungen im Kibbuz befreit, und nachdem seine Bücher erfolgreich verkauft wurden, sechs Tage. Als er 1986 Hulda verließ, „verweigerte ihm der Kibbuz das übliche, nicht unwesentliche Abschiedsgeschenk, das Mitglieder bei Wegzug erhielten, mit der Begründung, er nehme schließlich eine wesentliche Einnahmequelle des Kibbuz mit sich fort.“ Amos und seine Frau Nily hatten keine finanziellen Ressourcen, als sie sich in Arad ein eigenes Leben aufbauten.

Als er sich zum Militärdienst meldete, „erkannten seine Vorgesetzten in der Grundausbildung rasch, dass er für den Kampfeinsatz ungeeignet war, und so wiesen sie ihn einer Ausbildungseinheit zu. Als er 1967 und 1973 als Reservist in den Kriegsdienst einberufen wurde, nutzte die Armee seine Schreibkompetenz, die daraufhin an der Front Einsatz fand.“ Zu ergänzen sei hier, dass seine Dokumentation mit Interviews mit Soldaten nach dem Sechstagekrieg, „Censored Voices“, vom Militär zensiert wurde – erst 2016 konnte die Dokumentation (z. B. auch in deutschen Kinos) öffentlich gezeigt werden: ein erster und bedeutsamer Beitrag zur politischen und moralischen Situation Israels, denn Amos Oz war nicht nur Autor bedeutender Romane, sondern er setzte sich seit 1960 immer wieder in verschiedenen Artikeln, Interviews, Vorträgen und Publikationen (z. B. „Der perfekte Frieden“; 1987; mit Avraham Shapira: „Gespräche mit israelischen Soldaten“; 1970; „Israel: die Trümmer einer Illusion“; 1982; „Im Lande Israel“; 1982; „Bericht zur Lage des Staates Israel“; 1992; „Die Hügel des Libanon. Politische Essays“; 1995; „Israel und Palästina: ein Zweifamilienhaus? Politische Essays“; 2001; „Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers“; 2018 ) mit der aktuellen Situation in Israel auseinander.

Robert Alters Arbeit – Werkmonographie (vor allem „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ wird zur Klärung mancher Fakten immer wieder herangezogen; doch Vollständigkeit ist nicht angestrebt, d. h. es werden nicht alle Bücher von Amos Oz vorgestellt) und Biographie - schürft tief und intensiv; und nach und nach lernen wir begreifen: Das Leben von Amos Oz war reich an Erfolg – aber auch psychischen Gefährdungen, die Oz mit beispielhafter Disziplin immer wieder niederringen musste, um eine derart weitgespannte Werkidee überhaupt realisieren zu können: Als Freund von Amos Oz begreift Alter, dass es Aspekte im Wesen des Autors gab, die er „nicht hatte sehen können. Die vielleicht wichtigste Einsicht“, zu der Alter gelangte, war die, dass Amos Oz Mut brauchte, „um sein Leben zu leben. Bis zum Ende plagten ihn düstere, zerstörerische Gedanken, die er nie abschütteln konnte. Was er ihnen entgegensetzen konnte, war sein großes Talent – nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Redner, wenn er über Literatur und die politischen und gesellschaftlichen Dilemmata seines Landes sprach. Wenngleich er die Bürde der Trostlosigkeit seiner Kindheit bis zum Ende seines Lebens zu tragen hatte, verfiel er nie in Depressionen, gab nie der Versuchung nach, sich in den Rausch zu flüchten. Vielmehr trieb ihn das Gefühl an, dass er Aufgaben in dieser Welt zu erfüllen hatte. Er liebte das Schreiben und erfreute sich an den reichen Ressourcen der hebräischen Sprache, seines Mediums. Zugleich, das legen die Worte, die er für die entscheidende Weiheszene in Eine Geschichte von Liebe und Finsternis wählte, nahe, spürte er, dass es für ihn eine moralische Verpflichtung gab, die Welt zu verinnerlichen, indem er über sie schrieb – mit einer Stimme, ‚bei der es weder Lachen noch Leichtsinn gab‘.“ Es sind diese Aufgaben – als Autor – als Redner – als politischer Aktivist und Publizist – die Amos Oz möglicherweise die Kraft gaben, „seine inneren Dämonen in Schach zu halten, sie daran zu hindern, selbstzerstörerische Effekte zu entwickeln.“ Ein tapferes, paradigmatisches Leben – und eine würdige, kluge Untersuchung der Faktoren, die eine schwächere Natur als Amos Oz wohl zerbrochen hätten.