Alles – bloß nicht vage
Die portugiesische Dichterin Florbela Espanca

Selbstbestimmt und traumgeleitet. Eine Biographie einer eigenwilligen Dichterin Portugals

„Die Seelen aller Dichterinnen sind aus Licht entstanden, genau wie ein Sternenzelt: es blendet nicht, es erleuchtet.“ Starke Worte einer selbstbewussten Dichterin! Und dabei keineswegs selbstverständlich – denn wenn wir uns die portugiesische Literaturgeschichte – bzw. ihre bekanntesten (und zum Teil auch in Deutschland durch Übersetzungen bekannt gemachten) Vertreter vergegenwärtigen, bekommen wir zwingend den Eindruck, dass Portugals Literaturgeschichte eine männliche ist, Männerliteratur, denken wir nur an z. B. den großen portugiesischen „Nationaldichter“ Louís de Camões (1524 oder 1525-1580 in Lissabon). Sein Todestag, der 10. Juni, ist portugiesischer Nationalfeiertag. Sein Versepos „Die Lusiaden“ (1572) schildert, im Stil klassischer Epen und geschult von der Odyssee und der Aeneis, unter Rückbesinnung auf die griechische und römische Mythologie, die Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama, seine Reise entlang der afrikanischen Ostküste und Kap der Guten Hoffnung und bis nach Calicut. Camões verbindet diesen Handlungsstrang mit einer Darstellung portugiesischer Geschichte. Seine „Lusiaden“, 1806 ins Deutsche übersetzt, beeinflusste auch Selbstbild und Werk deutscher Dichter. Uns Heutigen ist dieses Feiern eines Entdeckers, einer Seereise, mit all ihren Gefahren, mental nicht mehr nahe, trotzdem lohnt es sich, zu einer zweisprachigen Ausgabe dieser Dichtung zu greifen, und sei es, um die Geschichte und das Selbstbild Portugals verstehen zu lernen, aber auch wegen der Schönheit dieser Dichtung.

Doch wer von uns Deutschen kennt Almeida Garrett (1799-1854. Der vollständige Name lautet João Baptista da Silva Leitão de Almeida)? Er schrieb Romane, Reiseberichte (z. B. „Viagens da minha terra“; Reisen durch mein Land) oder Teixeira de Pascoaes (1877-1952; eigentlich Joaquim Pereira Teixeira de Vasconcelos), einen Wortführer der „Portugiesischen Renaissance“? Diese Informationen entnehme ich einem in Olhão gekauften Magazin mit dem Titel SAUDADE. In diesem Magazin wird untersucht, wie sich saudade auf Werk und Selbstverständnis der portugiesischen Dichter/INNEN auswirkt.

Der Begriff saudade ist eine in andere Sprachen unübersetzbare Befindlichkeit (es mag mit „Wehmut“ oder „Sehnsucht“ zu tun haben – aber nicht nur; und „Sehnsucht“ ist eine typisch deutsche Befindlichkeit, die sich wiederum als Befindlichkeit nicht in andere Sprachen übersetzen lässt) – wie auch der türkische Begriff hüzün, den Orhan Pamuk uns zu erklären versucht. Nuno Ribeiro spricht in seinem Essay gar über saudade von einer „nationalen Religion“. Aber vielleicht kann uns der Fado (portugiesisch für „Schicksal“, von lateinisch „fatum“), die Musik Portugals, die portugiesische „Nationalbefindlichkeit“ zumindest emotional nahebringen (in Lissabon gibt es sogar ein Museum, das der Geschichte des Fado gewidmet ist). Hören Sie Interpretinnen (es gibt viele berühmte Sängerinnen) wie Amália Rodrigues (die als die Verkörperung des Fado gilt; 1920-1999), Mariza (Marisa dos Reis Nunes; 1973 geboren) oder Ana Moura auf Youtube! Über sie schreibt Gil Ribeiro (alias Holger Karsten Schmidt, der aus Verbundenheit zu Portugal das Pseudonym gewählt hatte) in „Lautlose Feinde“, seinem siebten Krimi um den aus Hamburg gebürtigen Kommissar Leander Lost in Fuseta: „Ana Moura hatte den Fado in die Moderne gebracht, diesen sentimentalen, traurigen Musikstil, der eine ganze Nation geprägt und konditioniert hatte und diesem Gefühl, das die Portugiesen für sich gepachtet hatten, der Saudade, eine Ausdrucksform verlieh. Einer melancholischen Sehnsucht nämlich nach etwas Verlorenem.

Saudade galt als unübersetzbar.“ In der Musik hat die Saudade ihren reinsten und intensivsten Ausdruck gefunden – und in der Dichtung. In ihrem Gedicht „Oh mein Fado – oh mein Freund“ schreibt die Dichterin Florbela Espanca u. a.: „Sogar die Nacht lauscht, scheint es,
Dem sich erhebenden Gesang, der enden wird
In sehnsüchtig sich überschlagender Sehnsucht! …
Das ist Fado. Das Lied der Veilchen:
Der traurigen Seelen der Dichter,
Für die das Leben eine Qual gewesen ist!“

Oder: „Der Fado ist nicht von dieser Welt,
Der Fado stammt von Gott,
Der Fado spielt wie verrückt,
Sich verlierend in deinem Blick.“

Muss der Begriff übersetzt werden? Alles meinen wir übersetzen zu müssen, alles, was wir sehen, schmecken, fühlen, hören – alles kann uns nur über das eigene Bewusstsein erreichen, das in keiner anderen Sprache aufgeht als der eigenen.

Fahren wir mit der Prominenz der Literatur fort: Fernando Pessoa (alias Bernardo Soares alias Alberto Caeiro alias Álvaro de Campos alias Ricardo Reis) wird auch einigen von Ihnen ein Begriff sein; es gibt Übersetzungen (z. B. „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“, 2011 im S. Fischer Verlag erschienen; in deutscher Sprache haben auch der Schweizerische Ammann Verlag und der Klaus Wagenbach Verlag Bücher von Pessoa herausgebracht). Pessoa (1888-1935) gilt heute als einer der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der Nobelpreisträger José Saramago (1922-2010) widmet sich dem Autor in seinem 1984 veröffentlichten Roman „O Ano da Morte de Ricardo Reis“ („Das Todesjahr des Ricardo Reis“, dt. 2014). In Portugal ist Pessoa der bedeutendste Dichter Portugals, wie Luís de Camões. Es gibt, seit 1992, eine Universität Fernando Pessoa; die Fadista Mariza vertont Gedichte Pessoas.

Saudade ist und bleibt ein Leitbegriff auch in der zeitgenössischen portugiesischen Literatur, deren bedeutendste Vertreter José Marinho (1904-1975), Leonardo Coimbra (1883-1936) („unser Philosoph der Saudade“, schreibt der Biograph Renato Epifânio), António Braz Teixeira (1936 geboren), Eduardo Lourenço de Faria (1923-2020; im Jahre 2001 publizierte der Suhrkamp Verlag sein „Mythos der Saudade“), António Nobre (1867-1900) und Joaquim de Carvalho (1892-1957). Auch im Werk des Nobelpreisträgers José Saramago spielt saudade eine bedeutende Rolle, vor allem, im Zusammenhang mit der Utopie. Eine Bemerkung des Saramago-Biographen Carlos Nogueira lautet: „Die Saudade, im Sinn/Bedeutung des Mangels und des Wunsches nach einem Wohlbefinden, wie eine Utopie, mit welcher sie interagiert und einen ganzen Komplex bildete, ist für Saramago eine Kraft, die für uns ´morgen´ Schatten wirft.“ Und über Saramagos 1986 veröffentlichtes Buch „A Jangada de Pedra“ („Das steinerne Floß; dt. 2015) schreibt er, es sei „eines der Bücher (…), die uns am meisten ansprechen über den Entwurf einer Utopie“ des Autors und „die letzten Fragen wie die über die saudade.“

Die portugiesische Literatur – eine Männerriege? Es wird Zeit, dieses einseitige Bild zu korrigieren: Dichterinnen, die in Portugal Ruhm erlangten, sind z. B. Carolina Michaëlis de Vasconcelos (oder Vasconcellos; 1851-1925), die ihr Biograph Alberto de Frutos „eine Preußin mit einem portugiesischen Herz“ nennt – in Porto gibt es ein Denkmal der Dichterin aus Deutschland und in Berlin gibt es eine Carolina-Michaelis-Straße. Oder Judith Teixeira (1880-1959), über die es heißt, sie besetze einen „außergewöhnlichen Platz in der Geschichte der Literatur und des portugiesischen Modernismo.“ Sie hat ein Manifest „Da Saudade“ (Über Saudade) geschrieben. Oder die Essayistin, Schriftstellerin und Philosophin Dalila Pereira da Costa (1918-2012).

Doch die heute (zu Lebzeiten schied sie die Geister durch ihr „skandalöses“ Auftreten, ihre Vorliebe für elegante Mode, was einigen wie eine Marotte, eine bloße Extravaganz erschien – für die Dichterin war Mode, Sich Schminken indes Ausdruck ihre eigenen Persönlichkeit – was ihr in der Provinz des frühen 20. Jahrhunderts Steinwürfe und sogar Prügel aufgebrachter „ehrbarer“ Frauen einbrachte) wohl berühmteste und bedeutendste Dichterin Portugals ist Florbela Espanca (1894-1930), über die José Carlos Fernández schreibt: „In der portugiesischen Literatur hat vielleicht niemand die saudade verkörpert, wie sie es in ihrem Leben und in ihren Schriften tat: die ´Muse des Alentejo´, die Dichterin Florbela Espanca. Bis zu dem Punkt, in dem in einem ihrer Gedichtbücher sie für sich selbst den Namen ´Schwester Saudade´ annimmt, und so nennt sie sich auch selbst in ihrem Werk, 1932 herausgegeben.“

„Du nanntest mich Schwester: Schwester Saudade …
und in meiner Seele leuchtet dieser Name
Wie ein farbiges Fenster in der Sonne, als wäre
Das Licht vom eigenen Traum, den du träumtest.“

Über sie heißt es in dem Magazin SAUDADE – ich übersetze – „Florbela Espanca lässt sich weder in ihrem Leben noch in ihrem poetischen Werk vergleichen, das über Liebe, Leid und die saudade spricht – (und) das eines der unübertroffenen poetischen Werke mit der Thematik Saudade bedeutet.

Eine weibliche Stimme, die es wagte, von Sinnlichkeit zu sprechen, und es ist deutlich, dass dies keine konservative Gesellschaft akzeptiert, so dass ihr Werk erst sehr spät eine gerechte Anerkennung erleben würde. Ihr erstes Werk „Charneca em flor“ (dt. „Heide in Blüte“) wurde erst nach ihrem Tod herausgegeben.“ José Carlos Fernández schreibt im Magazin: „In Florbela sehen wir, wie, seit ihrer frühesten Jugend, in ihren Versen die saudade pulsiert und badet wie weißer Schaum, und die Wellen des einen Meeres, in der Nacht.“ So versteigt sich sogar ein Literaturwissenschaftler und Journalist in Superlativen der Verehrung, doch die Dichterin verkörpert, in ihrer Exzentrik, Melancholie und Einsamkeit am reinsten die Vorstellung, das Bild der saudade.

Jetzt haben wir auch in Deutschland die Chance, diese eigenwillige Dichterin kennen zu lernen (es gibt bislang nur eine einzige deutsche Übersetzung, eine Art Querschnitt aus dem Gesamtwerk der Dichterin, das sechs Bände umfasst: „Der Rest ist Parfüm. Erzählungen, Briefe, Aufzeichnungen“, übersetzt von Gesa Hasebrink aus dem Jahre 1994). Möglich gemacht hat uns dies der für seinen Mut zu entlegenen, abseitigen, übersehenen/vergessenen/ignorierten Begabungen bekannte Berliner AvivA Verlag, der die Biographie dieser in Deutschland wohl völlig unbekannten portugiesischen Dichterin herausbringt, und geschrieben (und zahlreiche Gedichte eigens übersetzt) hat dies eine Autorin, die seit 26 Jahren in Portugal lebt, die Sprache also intensiv kennen gelernt und sich erarbeitet hat und somit die perfekte Übermittlerin einer der bedeutendsten Dichterinnen Portugals ist. Festzuhalten ist hier gleich, dass sie ihre Arbeit hervorragend machte – kurzweilig und unterhaltsam (ohne das verhasste bloße Infotainment) – in der Art und Weise, wie sie die Dichterin vorstellt; ihre Herkunft, das Elternhaus, den „Makel“ der unehelichen Geburt (der Vater war ein notorischer Fremdgeher), die drei Ehen, die beiden Fehlgeburt? Abtreibungen? (es gibt da verschiedene Darstellungen), Selbstmord oder Lungenentzündung? usw.

Schon das elegant aufgemachte Buch in die Hand zu nehmen ist ein sinnliches Vergnügen: Das Titelfoto zeigt die Dichterin, mondän mit langem Kleid, Fuchsschwanz–Stola um die Schultern, feiner Kette und Hut; ihre rechte Hand trägt einen weißen Handschuh; darüber trägt der Mittelfinger einen Ring. Florbela Espanca sitzt auf einer Bank und schaut zur Seite, das Gesicht aber dem Betrachter/Fotografen zugewandt. Die Innenseiten der Biografie zeigen Azulejo-Motive, Schwarz-Weiß. Das Foto neben der Titelangabe zeigt ein bekanntes Foto der Dichterin: die Haare sind modisch kurz geschnitten; das Kleid ist dunkel, die Dichterin trägt eine lange Perlenkette (von der uns berichtet wird, dass Florbelas Hände gern damit spielen); das Gesicht wirkt melancholisch, auch durch die hochgezogenen Augenbauen. Im Buch Catrin George Poncianos finden wir auch Kinderbilder Florbelas (im Essay von José Carlos Fernández über Florbela Espanca im Magazin SAUDADE sehen Sie ein Bild des Mädchens, wie es eine weiße Katze im Arm trägt).

In einem frühen Gedicht, ihrem „allerersten Gedicht“, heißt es:
„Das Leben und der Tod sind
Wie ein schmeichelndes Lächeln
Und die Liebe hat das Boot
Und das Boot Matrosen.“

Kommentar der Biografin: „Florbela Espanca hat sich ein Leben lang als das von ihr beschriebene Boot betrachtet. Alle anderen waren bloß Matrosen.“ Doch dieses Boot hatte offenbar keinen Anker, um im Bild weiter zu denken. Catrin George Ponciano: „Von der Gesellschaft in ihrem Anderssein ausgegrenzt, von der Kirche an den Moralpranger gestellt, von ihrer Familie unverstanden, gleicht ihre Biografie einem klassischen Drama (…).“ Eine widerständige Frau – wofür sie allerdings einen hohen Preis zahlen mußte: „Unerschrocken stemmt sie sich gegen die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in westlichen Sphären üblichen weiblichen Rollenzuschreibungen. Florbela Espanca gehorcht nicht und niemandem. Sie denkt nach und will ihre Entscheidungen selbst treffen.“

Woher hat sie nur die Kraft genommen? Denn die „von ihr lebenslang erhoffte Selbstbestimmung hat ihr das Patriarchat niemals gestattet. Der Makel einer unehelich gezeugten Tochter, dem ihr von der Gesellschaft angeheftete Schandfleck der Ehebrecherin und die ihr seitens des klerikalen Patriarchats attestierte Sabotage zur Unterwanderung der allgemeinen Moral lasteten schwer auf ihrem sowieso unsteten Gemüt.“

Ihr Werk: ein „literarisches Zeitzeugnis für das Erwachen des weiblichen Selbstbewusstseins in Europa“ – zugleich gleicht es „einem wunden Selbstbildnis“. Und: „Messerscharf dichtet sie an der Nahtstelle ihrer Kümmernisse entlang.“ Dieses Werk und das Leben der Dichterin sind „ein Beitrag darüber, welchen inneren und äußeren Kampf Frauen ausfechten müssen, wenn sie als sie selbst bestehen wollen.“ „Als erste (d. h. bedeutendste; d. Verf. in Sparre) Dichterin Portugals adelt die portugiesischsprachige Literaturszene Florbela Espanca heute. Anerkannt wurde ihr Lebenswerk aber erst über ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod. Zu Lebzeiten war sie eine von einem kleinen Kreis überaus bewunderte Dichterin, dennoch reduzierte die Allgemeinheit sie zu einer unerwünschten Frau.“

Die Beschreibung ihres Verhaltens und Charakters erinnert mich spontan an eine andere Exzentrikerin, im Deutschland, das war, bevor Hitler kam: Ich meine Else Lasker-Schüler, der Träumer, Jussuf, der Prinz von Theben („Ich bin keine Frau!“): „Unersättlich ist sie gewesen. Nimmermüde. Bereit, jede Konvention zu sprengen. Verliebt und entliebt hat sie sich. Amüsiert, gestritten, versöhnt. Gescheitert ist sie, wieder aufgestanden, erneut gescheitert und wieder aufgestanden. Alles hat sie gewonnen und alles wieder verloren, aber niemals hat sie aufgehört zu träumen.“ Ihre Dichtung: „komplex und emotionsgeladen“. (Das ließe sich auch von Else Lasker-Schüler sagen.) Ein Foto zeigt die „Casa Florbela Espanca“, das Elternhaus der Dichterin: ein schmalbrüstiges elegantes Haus, mit dem für Portugal so typischen Eingang: eine Tür mit kleinen Fenstern und dekorativen Metallstreben, fein, ziseliert – nicht kompakt, bedrohlich oder wie ein Eingang zu einer Festung (wie so oft in Deutschland). Darüber – gleichfalls typisch für die Architektur Portugals – ein schmiedeeiserner Balkon mit Blumen. Darüber noch ein Fenster. Das Dach: wie der elegante Hut der Dichterin.

Im ersten Kapitel der Biographie erfahren wir, dass das Kind Florbela zwei Mütter hatte, was bei ihr wohl zu einem Loyalitätskonflikt geführt hatte: Da gibt es „Mutter Mariana“, die das neunjährige Mädchen zwar „Mutter“ nennt, die aber nicht ihre leibliche Mutter ist – ihre leibliche Mutter ist „Mamã“ – die aber irgendwann nicht mehr das Haus betreten durfte: Als Florbela „kleiner war, war alles anders. Da war außer Mariana auch Mamã im Haus. Zumindest am Tag. Mamã arbeitete für Vater und Stiefmutter, scheuerte den Boden, wischte Staub und wusch Wäsche. Als Baby hatte Mamã sie auch gestillt (…). Eines Tages kam Mamã nicht mehr. Dafür blieb ein Junge da. Apeles hieß er, Florbelas drei Jahre jüngerer Bruder. Von dem Tag ab durfte Mamã das Haus nicht mehr betreten, den Stiefmutter Mariana hatte es ihr verboten.“ Das Leben der beiden Frauen wird miteinander verglichen. Mamã lebt in einem einzigen Raum und besitzt nur ein Kleid – und kein einziges Buch, denn sie kann nicht lesen – Mariana „konnte lesen, handarbeiten, malen, Klavier spielen, Freundinnen zum Tee einladen und besaß Kleider, Schmuck und Schminke. Wie man sich herausputzte, lernte Florbela von Mariana (…).“ Mädchensachen sind dem Kind ein Greuel: „Ich will das nicht machen. Ich will lesen.“

Der Vater, der sich als Sohn eines Schusters hochgearbeitet hatte, besitzt eine große Bibliothek, mit portugiesischen Autoren, aber auch Balzac und Alexandre Dumas. Als erfolgreicher Antiquitätenhändler berät er Großbürgerfamilien. Und nicht nur das: Als Einrichtungsexperte wird er sogar in den Palast gerufen und als Fotograf vom Rathaus engagiert. Ein Problem Marianas: Sie kann keine Kinder bekommen. João Maria Espanca, ein Provinz-Don-Juan, schwängert das Bauernmädchen Antónia da Conceição Lobo, vierzehn Jahre alt. Sie sah im Hausherrn den Märchenprinzen, der sie aus ihrer Armut retten würde. Stattdessen wird sie zweimal Mutter. Zuerst gebar sie die Tochter: „Flor Bela d`Alma da Conceição, etwa ´Schön wie eine Blume und empfangen reinen Gewissens, wurde am 8. Dezember 1994 geboren, am Tag der Heiligen Maria der Unbefleckten Empfängnis.“ Drei Jahre später wird der Bruder Apeles geboren. „Die Ehekrise wegen Espancas erneuter Untreue konnte kaum größer sein.“ Mariana droht mit Scheidung. Die Ménage à trois ist zu Ende.

In der Schule hat das begabte geistig frühreife und hochsensible Mädchen keine Freunde, es spielt nicht in der Pause. „Statt Kinderbücher las das Kind Hochliteratur. Wenn die Lehrerin sie zum Mitspielen animieren wollte, bekam sie zur Antwort: ‚Ich will lesen‘.“ Kinderbücher mag sie nicht: „da wüsste sie am Anfang gleich, wie das Buch enden würde.“ Sie wollte Bücher, „die sie woanders hinführten, ins Unbekannte. Von solchen Büchern fühlte sie sich verstanden, erklärte sie der Lehrerin.“

1903, im Alter von neun Jahren, schreibt Florbela ihr erstes Gedicht. Es sei ein Gedicht für ihre beiden Mütter und ihren Vater, erklärt sie der Lehrerin. Alle drei sehnen sich nach Liebe, dürfen aber nicht zusammen sein. Die beeindruckte Lehrerin schreibt eine Empfehlung an die Schulleitung des Lyzeums in der Kreisstadt Évora. Die Tatsache, dass Florbela ein Mädchen sei, sollte keine Rolle spielen. „1903 waren Schülerinnen eine absolute Ausnahme.“

Ihre behütete Kindheit fand mit der erfolgreich absolvierten Aufnahmeprüfung ein abruptes Ende. Florbela fühlte sich erwachsen, änderte ihr Aussehen, trug freche Hüte und schminkte die Augen mit Kajal. Sie besucht als einziges Mädchen mit ihren Kommilitonen die Caféhäuser der Stadt. „In den Augen ihrer Mitschüler war Florbela ein Fremdkörper. Als erste Schülerin des Nationalen Lyzeums für humanistische Lehren im ehemaligen Jesuitenkloster Espírito Santo wurde sie als Eindringling angesehen.“ Von nun an muss sie lernen, sich durchzusetzen. „Überall eckte Florbela mit ihrem selbstbewussten Auftreten als Bela an, was ihr ebensoviel Bewunderung wie Anfeindung einbrachte.“ Einige Mitschüler wollten sie nicht ins Klassenzimmer lassen, sperrten sie aus. Es wird nicht die einzige Anfeindung in ihrem Leben bleiben.

Eine Fundgrube literarischer Schätze vermittelt Florbela der Professor für Literatur und Sprache: Die Bibliothek Frei Manuel do Cenáculo beherbergt 50.000 Bücher. Bis zu ihrem Schulabschluß 1913 wird Florbela hier jede freie Stunde verbringen: Neben lusophoner Literatur findet sie französische, deutsche und englische Klassiker, Goethe, Hegel und Nietzsche sowie eine Menge streitbarer Autorinnen, die die weibliche Sexualität thematisieren, wie z. B. Colette. Mit Ana de Castro Osórios (1872-1935) Literatur (ihr Werk, berichtet Wikipedia, umfasse „mehr als fünfzig Titel, darunter z. B. 1905 „An die portugiesischen Frauen“, aber auch viele Bücher für Kinder. Sie gründete einen eigenen Verlag) lernte sie „eine qicklebendige militante Frauenrechtlerin aus Setúbal südlich von Lissabon kennen, die den Analphabetismus anprangerte (…). Daß sich Osório in der Politik explizit für sozial benachteiligte Frauen und Mädchen einsetzte“, imponierte Florbela und sie las „Osórios Plädoyer Erstes Feministisches Manifest Portugals, das 1911 tatsächlich zur Verbesserung des Scheidungsrechts für Frauen führte, mit großem Interesse. Vor Ana de Castro Osório war es in der weiblichen portugiesischen Literatur zuletzt die Marquesa Leonor de Almeidas e Lencastre, die in ihren Schriften Frauen als eigenständig denkende und handelnde Wesen beschrieb (…).“

Diese Autorinnen offenbaren Florbela eine neue Sichtweise. Sie begreift aber auch, dass diese kritische, weibliche Sichtweise Mut verlangt. „Dichterinnen können aufwiegeln, aufrütteln, anzetteln, aufrühren, reformieren, revolutionieren, skandalisieren. (…). Weibliche Literatur konnte alles, was die männliche Literatur auch konnte.“ Aber die Autorinnen müssen größere Schritte machen, sie kommen von weither, auf einem Weg voller Hindernisse, Abhaltungen und Geringschätzung vonseiten der Dichtermänner.

Skandalisieren: Frauen setzten sich nicht in Cafés, rauchten nicht und lasen nicht Zeitung. „Puta“ (Nutte) zischten die Leute hinter Florbela her. Bald war sie schlimmeren Gefahren ausgesetzt: Als sie einmal spazieren ging, wurde sie von einem halben Dutzend Frauen übel beschimpft. Die Furien zerrten an ihren Kleidern, schlugen und mißhandelten sie. Der Pöbel verfolgte Florbela bis in den Park, bewarf sie mit Steinen und ließ erst von ihr, ab, als der Parkwächter kam. Er bringt die Verletzte zum Arzt, der die Wunden behandelt und Florbela rät, sich nicht mehr zu schminken, da man sie sonst für eine Frau vom käuflichen Gewerbe hielte.

Aber das Mädchen bleibt stur – bleibt sich selbst treu: „Ein Adler muss, um wertvoll zu sein, ein Adler sein. Ein Milan reicht nicht.“ Diese Selbstermutigung, im Gedicht, in aphoristisch zugespitzten Sätzen, hilft ihr, mit dem Trauma der öffentlichen „Mißhandlung fertig zu werden. „Den Göttern zum Trotz beharren“ (Jean Giono, Melville zum Gruß“) – doch ist es ein Unterschied, ob ein Huhn die Adlerin angackert – oder ob ein ganzer Hühnerhof sie bedroht. Der Schock der Demütigung und Bedrohung durch kleine Geister legte sich bleischwer auf die Flügel der Dichterin, bevor sie zumindest mental zu einer Selbstermächtigung fand. Ob sie Goethes Faust gelesen hat? Frei nach ihm sage ich dem Pöbel: Dem Wurme gleicht ihr, „der den Staub durchwühlt; dem, wie er sich vom Staube nähret, lebt, des Wandrers Tritt ihn vernichtet und begräbt.“

Eine weitere Ermutigung: Der Nationaldichter Luís Vaz de Camões. Florbela trat in Wettstreit mit ihm und übte sich im Sonett. „Sie identifizierte sich mit der Figur des Alcipe und mit den Frauen Lusitaniens, die sich während Portugals Entdeckerexpansion gegen jeglichen männlichen Besitzanspruch unerschrocken und unbezähmbar wehrten.“ Insgesamt zehn Balladen widmete sie Camões. Weitere Dichter, die Florbela Espanca schätzte: António Nobre, aber auch Antero de Quental (1842-1891), den Dichter der Opposition. Er träumte von einer Verbindung zwischen Spanien und Portugal, natürlich mit Portugal als Anführerin. Quental hatte die Akademischen Aufstände der 1870er Generation in Coimbra angeführt. Das Volk brauche Bildung – „und keine Bibelstunde, plädierte Quental in seinem Manifest Gleichgültigkeit in der Politik.“

Dies und seine Aphorismen lösten eine Welle der Empörung aus. „Es folgten polemische Briefwechsel, die in ein Schwert-Duell mündeten. In einem idyllischen Park standen sich am 4. Februar 1866 der Dichter Quental und der Portuenser Autor Ramalho Ortigão – der erste Krimischriftsteller Portugals – mit dem Schwert gegenüber. Ortigão wollte die Ehre der Romanciers verteidigen, Quental seine eigene (…). Nachdem an Ortigãos Arm etwas Blut geflossen war, wurden die literarischen – und maskulinen – Territorialgrenzen neu abgesteckt und die Ehre Quentals und die der Romanciers war wieder hergestellt“ – eine Geschichte, die Florbela natürlich faszinierte.

Als am Nachmittag des 5.Oktober 1910 die erste Portugiesische Republik proklamiert wurde, frohlockte Florbela Espanca: Sie erhoffe sich als Frau neue Möglichkeiten und Freiheiten, zum Beispiel einen Studienplatz. Und sie erhoffte sich das Recht auf die Ausübung eines Berufes, „denn sie war(…) fest entschlossen, hauptberuflich als Dichterin Fuß zu fassen.“ Aber erstmal begegnet sie der Liebe: Alberto Moutinho will Florbela heiraten – seine Schönheit hat sie beeindruckt. Ihr Wunsch indes ist: die seit Jahrhunderten geltenden Regeln zu brechen und sich auf eine Stufe mit dem Mann zu stellen. Am 8. Dezember 1913 heiratet das Paar und zieht nach Redondo, ein Ort, der sich für die junge Frau bald als Enttäuschung entpuppt: „Nach acht Jahren Erwachsenwerden in Évora wirkte Redondo auf Florbela Espanca wie die Rückkehr in die Zeit vor 1910.“ Die Atmosphäre ist provinziell. Und Florbela, die Frau des jungen Dorflehrers, wurde misstrauisch beäugt. Als sie in einem Caféhaus einen cafezinho trinken wollte, wies sie der Wirt schimpfend vor die Tür. Auch Rauchen in der Öffentlichkeit ziemt sich nicht für Frauen, also muß Alberto die Zigaretten eigens für Florbela kaufen. Es blieb Florbela Espanca in diesem geistlosen Kaff nichts anderes übrig, als sich auf sich selbst zu beziehen. Sie entdeckt in Redondo dass Sonett als die ihr gemäße poetische Form. „Zwischen 1913 und 1919 verfaßte sie neben zahlreichen Briefen (…) 144 Sonette.“ Ihr erstes Gedicht veröffentlicht sie 1916 in der Tageszeitung Notícias de Évora. Bald folgten weitere Veröffentlichungen in Tageszeitungen – allerdings griffen die Redakteure immer wieder in die Gedichte ein, „redigierten“, „verbesserten“.

Eine wichtige Freundschaft ist die mit Júlia Alves, der Florbela ein Sonett widmet. Mit ihr lernt die Dichterin „erstmals eine Frau aus der schreibenden Zunft kennen, die ihr gedanklich, emotional und rhetorisch ebenbürtig war.“ Allerdings haben sie sich nie persönlich kennen gelernt (nicht einmal ein Foto existiert von Alves – und auch das Internet kennt sie nicht!), auch wenn der rege Briefwechsel der beiden Frauen all die folgenden Jahre überdauerte. Auch Júlia Alves musste, wie Florbela Espanca, permanent gegen die Windmühle der Ignoranz und die konservativen gesellschaftlichen Spielregeln ankämpfen.

Ihrer neuen Freundin schreibt Florbela empört: „Stell dir vor, meine liebe Freundin, sogenannte als zu dramatisch eingestufte Passagen streichen die Herren Redakteure ersatzlos und drucken meine Gedichte verkürzt ab. Texte mit feministischen oder erotischen Zügen lehnen sie rundweg ab.“ Ende 1916 schreibt sie desillusioniert: „Die Ehe ist brutal. Sie ebenso brutal wie jede andere Form des Besitztums (…). Nur für die mehr körperlich als geistig orientierten Frauen ist die Ehe nicht unbedingt eine Enttäuschung – aber für uns?“ Das Ehemodell, von dem Florbela Espanca träumte, existierte noch nicht. Für ihren Mann hingegen sind bereits alle Träume in Erfüllung gegangen: „Sie hatten geheiratet, sie richteten sich ihr Heim ein und er hatte eine gute Anstellung gefunden.“ Zu wenig für Florbela Espanca. Sie hatte genug von dieser Klein-Klein-Existenz, mit Kochen (am liebsten hätte sie die Kochtöpfe aus dem Fenster geworfen) und tausend Verboten, packt ihre Sachen und verlässt ihren Alberto. Sie wollte alles und noch viel mehr: Freiheit, studieren, in Lissabon wohnen. 1917 schreibt sie sich als eine von vierzehn Studentinnen mit 347 Studenten in der juristischen Fakultät in Lissabon ein. Alberto Moutinho fleht sie an, zu bleiben, aber sie dreht sich nicht einmal mehr nach ihm um.

Lissabon: Keine provinzielle Beschaulichkeit (die Florbela so sehr gelangweilt hatte), sondern Lärm – Droschken, mit ihren eisenbeschlagenen Rädern, laute Fähren, Menschenmengen. Und vor allem: In den Flaniermeilen sind viele elegant gekleidete Frauen, hier würde an der modischen Extravaganz der Dichterein niemand Anstoß nehmen. Und in der Lissabonner Avantgarde fand sie rasch Anschluss. Und: hier rauchten alle, sogar Kinder.

Eine Freundschaft verbindet sie mit der Dichterin Fernanda de Castro (1900-1994), Ehefrau des Chefredakteurs António Ferro. Mit Fernando Pessoa hingegen kann sie weniger anfangen. Sie beobachtet ihn aus „sicherer Distanz“. Doch schätzt sie seinen Hang zur Absurdität; sie erkennt die Verwandtschaft. Allerdings: Pessoa spricht sie nie an. „Gelegenheiten hätte es einige gegeben. (…) Selbst wenn sich ihre Blicke kreuzten, ignorierte er sie und sie ihn.“ Aber das ist ihr eigentlich recht, „denn sie wollte Pessoa nicht näher kennenlernen. (…) Lissabon bot ihr so viel mehr als einen ungelenken Dichter mit vielen Namen und einer Nickelbrille auf der Nase.“

Da war, zumindest für einige Zeit, die offen lesbische Dichterin Judite Teixeira (eigentlich Judite dos Reis Ramos Teixeira; 1880-1959) eine größere Verlockung. Doch die erotischen Texte dieser Autorin waren selbst für die als weltoffen geltende Lissabonner Avantgarde unverdaulich. Sie wird geschnitten, die Kritiken sind vernichtend. Ihr 1923 veröffentlichtes Buch „Decadência“ wird vom späteren Präsident der faschistischen Diktatur, Marcelo Caetano, als „Schande“ bezeichnet und er beglückwünscht sich selbst zur Indizierung und Verbrennung des Werks (erst 1977 wird sie als „einzige modernistische Dichterin Portugals“ gewürdigt, berichtet Wikipedia. Allerdings: keines ihrer Bücher wurde bislang ins Deutsche übersetzt, auch eine Biographie existiert nicht).

Während ihre ersten beiden Semester 1917 besuchte Florbela Espanca ihre Familie; dann wurden die Besuche seltener – das provinzielle Umfeld fern der Hauptstadt, ödete sie zunehmend an. Die einzige Person, die sie verstand, die ihr nahe war, war der Bruder Apeles. Er wurde Marine-Offizier, außerdem ist er ein gefragter Künstler. Zusammen vergnügen sich die Geschwister in Lissabon, skandalisieren, polarisieren. Sie stehen sich nahe, von Kindheit an; aber Florbela weiß auch: Während sich für Apeles alle Türe öffnen, muß sie als Frau „ohne Unterlaß dagegentreten“. Doch das Leben hält nicht, was die Ideen versprachen. „Nach der Liebe suchte ich, aber sie hat mich betrogen, bat ich das Leben um mehr davon, als es mir geben wollte.“

Während der Sommerfeien 1917 versöhnt sich Florbela mit ihrem Mann Alberto. Das Ergebnis: eine Schwangerschaft. Da wird der Dichterin klar: Das ist das Ende der persönlichen Freiheit. Kein Studium mehr, keine Gedichte mehr. Voller Zukunftsangst folgt sie ihrem Mann nach Olhão, wo er eine neue Stelle antritt. Es ist nicht der rechte Ort, zum Leben, zum Dichten. „Das ihr wohlbekannte Unbehagen kehrte mit Wucht zurück“, ihre Depressionen. Ihre Träume werden grau, verflüchtigen sich. Schließlich trifft sie in Faro einen Kreis Intellektueller. Also nimmt Florbela Espanca den Zug von Olhão nach Faro – doch als intellektuell begabte und geschulte Frau, als Dichterin ist sie auch hier wie ein Wesen von einem anderen Stern.

Einige Wochen nach dem Umzug erleidet Florbela eine Fehlgeburt und einen Nervenzusammenbruch. Die Pillen, die zur „Beruhigung“ bekommt, machen sie apathisch, willenlos. Sie zweifelt an sich als Dichterin und Frau. Der Vater und Alberto raten ihr, weniger „widerborstig“ zu sein. Nur Apeles hält zu ihr. „Du musst weiterschreiben, Schwester. Du musst. Sonst übergibst du dich den Mächten, die dich einsperren und dressieren wollen wie ein Zirkuspferd und deine Sonette dem Müll.“ Noch im gleichen Jahr trennt sich Florbela endgültig von Alberto und reicht die Scheidung ein.

Wieder in Lissabon veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband, „O Livro de Mágoas“, „Das Buch der Kümmernisse.“ Die Dichterin nimmt in Lissabon ihr gewohntes Leben wieder auf, fährt mit dem Studium fort. „Die Adlerin flatterte“. Ihr erster Gedichtband wird ausführlich diskutiert. „Endlich wurden sie und ihre Dichtung ernst genommen.“ Doch 1920 lernt sie bei einem Karnevalsball einen charmanten Tanzpartner namens António Guimarães kennen. Der wird sich bald als ihre bête noir entpuppen. „Mit António glaubte Florbela eine Heimat und einen Bräutigam gefunden zu haben, an den sie sich bis zu ihrem Tod erinnern würde – allerdings gänzlich anders, als sie es erträumt hatte.“ Die Ehe wird zu Drama – der Mann entpuppt sich als Schläger.

Das Paar zieht nach Porto. Auch dort kennt man Florbelas Dichtungen. Sie nähert sich literarischen Zirkeln hier eher skeptisch: Ihrem Empfinden nach herrscht in diesen Kreisen der Symbolismus des Dichtes Teixerira de Pascoaes zu stark. In Lissabon wollten alle modern schreiben – in Porto lebte die Romantik fort. Und etwas anderes fehlt Porto: der in Lissabon so anziehende Lebensfrohsinn. Florbela Espanca sucht Anschluss an andere literarische Zirkel und sie plant einen zweiten Gedichtband zu veröffentlichen. Vorerst aber hält sie sich mit Übersetzungen über Wasser. Die Ehe mit dem Fähnrich António Guimarães wird ein Fiasko: Er wollte gar nicht heiraten, sondern eine Affäre, was seinem Vorgesetzen missfiel; Florbela glaubte die perfekte Liebe gefunden zu haben. Außerdem gehorchte sie ihm nicht; Autonomie, auch wirtschaftlich, ist ihr wichtig. Sie hält sich für glücklich – bis sie von ihrem Mann verprügelt wird. Leutnant Dr. Mário Pereira muss sie verarzten Florbela Espanca wird zur Erholung geschickt. Dem Arzt ist sofort klar, dass sie nicht gestürzt ist, wie ihr Mann behauptet, sondern misshandelt wird.

Das Paar zieht nach Lissabon, aber Florbela wird ständig beobachtet und sie wagt es nicht, die Wohnung zu verlassen. Sie selbst erniedrigt sich, um die Liebe ihres Mannes zurück zu gewinnen – vergeblich. Kochte sie nicht gut, setzte es Ohrfeigen. Ihre Freunde raten ihr, diesen Mann zu verlassen – sie konnte nicht. „Seine Gewaltbereitschaft folgte ihr überallhin.“ Wieder wird sie schwanger, was ihren Mann wütend macht: Er will nicht Vater werden. Sie stürzt bei seinen Schlägen – und erleidet eine Fehlgeburt. Es folgt ein neuer Nervenzusammenbruch und ein Aufenthalt in der Psychiatrie. Kurz vor dem Eklat mit Guimarães wird, im Januar 1923, Espancas zweiter Gedichtband publiziert; Apeles entwirft den Umschlag für die Erstausgabe. „Livro de Sóror Saudade“ erhält auf Anhieb exzellente Besprechungen. Bald ist das Buch ausverkauft und es folgt eine zweite Auflage.

Persönlich muss sie mit einer weiteren Katastrophe fertig werden: Wegen der Diagnose, nie wieder gebären zu können, muss sie ihren Traum der Mutterschaft begraben. „Nachwuchs bedeutet, die Familienbande aufrechtzuerhalten, etwas von sich weiterzugeben. Ein Stück Florbela, ein Stück Mensch.“ Ihre Bücher, ihre Träume, ihre Ideen werden ihre Kinder. Guimarães bugsiert Florbela gegen ihren Willen zum Schwager nach Gonça, einem mittelalterlichen Marktflecken. Heimlich schickt sie ein Telegramm zum Arzt ihres Vertrauens, Mário Pereira. Der Arzt erkennt ihre Notlage und bringt sie heimlich mitten in der Nacht aus Gonça fort und bringt sie bei seiner Familie im Strandbadeort Esmoriz unter. Bald darauf werden die beiden ein Paar. Florbela verlangt die Scheidung von Guimarães, der ihr droht.

Anfang 1925 stirbt die Stiefmutter Mariana. Apeles, der die Ehe seiner Schwester mißbilligt hatte, und Florbela versöhnen sich am Grab. Wenig später heiratet Florbela ihren Arzt. Das Paar zieht nach Porto. Florbela schreibt, übersetzt, veröffentlicht in Zeitungen. Außerdem schreibt sie Prosa und Aphorismen. Dann erfährt sie, dass die Verlobte ihres Bruders überraschend gestorben war. Die Geschwister treffen sich in Lissabon, der Stadt ihrer früheren gemeinsamen Abenteuer. Ehemalige Kollegen und Kommilitonen verneigen sich vor ihr. „Ihr Anderssein glänzte plötzlich. Während sie bei Florbela Espancas Ankunft in der Hauptstadt vor zehn Jahren als unanständige Ehebrecherin verpönt war, wollten nun alle selbstbestimmt und traumgeleitet leben.“ Die Geschwister feiern miteinander, trinken Champagner, fahren mit dem Motorrad am Tejo entlang. Sein letzter Brief an die Schwester enthält die Bitte, unbedingt weiter zu schreiben.

Im Juni 1927 erfährt sie, dass das Wasserflugzeug ihres Bruders abgestürzt war, Apeles ist verschollen. Florbela bricht zusammen, muss wieder in die Klinik gebracht werden, wo man die Rasende in eine Zwangsjacke steckt. Sie fühlt sich von ihrem Mann im Stich gelassen, verzeiht ihm nicht, zieht sich völlig zurück, lebt von Zigaretten und Wein, verkommt seelisch und optisch. Dann rafft sie sich auf, kleidet sich schön, ordnet ihr Gesamtwerk. Auch die Arbeit an den Übersetzungen nimmt sie wieder auf. Sie fühlt sich ihrem Bruder verpflichtet, der sie aufgefordert hatte, wieder zu schreiben. Wenige Tage vor ihrem 36. Geburtstag erreichen sie die Druckfahnen für „Charneca em Flor. Es wird ihre letzte Publikation zu Lebzeiten sein. Im Dezember 1930 bringt sie sich um.

Nach ihrem Tod beginnt das Tauziehen um ein Denkmal der Dichterin. Die Kirche will davon nichts wissen. Also wird ein „Autopsiebericht“ beschafft, wo als Todesursache ein Lungenödem genannt wird. Heute gibt es eine Büste der Dichterin in Évora im Park Dom Manuel I. Der angesehene Schriftsteller José Régio, dessen Werkwährend der Salazar-Diktatur von der Zensurbehörde auf die Schwarze Liste gesetzt worden war, war 1934 Herausgeber des ersten Gesamtwerks der Dichterin. In seinem Vorwort ehrt Régio Florbela Espanca als Leitfigur der portugiesischen Poesie, als diejenige, die in der portugiesischen Literatur das weibliche Bewusstsein erweckte, als Kompass für Humanismus und als Avantgardistin für autobiographische Dichtung.

Catrin George Ponciano schreibt in der Biographie der Dichterin: „Florbela Espancas Lebenslinie und Lebenswerk prägt die lusophone Literatur heute stärker denn je und beeinflusst die Gegenwartsliteratur gerade durch den ihr innewohnenden autobiografisch emotionalen Aspekt.“ Und sie formuliert den Wunsch: „Möge Florbela Espancas tragische Biographie anderen Literatinnen den gewünschten Mut bescheren, das Wagnis einzugehen, alles – bloß nicht vage zu sein, denn trotz aller Tragik erinnert Florbela Espancas Werk daran, dass nichts, was man sich wünscht, unmöglich ist.“

Festzuhalten ist hier aber auch, dass eine Frau, die selbst etwas sein und bedeuten will, die qua Geschlecht einer marginalisierten Gruppe angehört, die eine eigene Werkidee hat, für deren Realisierung immer noch den höheren Preis zahlt (und nicht nur in Portugal) als ein Mann mit denselben Träumen und Wünschen. Frau und Exzentrik – warum nicht? Wenn es der Unterhaltung dient? Frau und Genie hingegen: immer noch tabubehaftet. Auch im 21. Jahrhundert.

Ich habe die Dichterin so ausführlich vorgestellt und dabei aus dem Buch von Catrin George Ponciano zitiert, weil Forbela Espanca in Deutschland (und lange Zeit auch in Portugal) eine zu Unrecht nicht oder kaum bekannte Dichterin ist – und ein für viele paradigmatisches Leben geführt hat (was man erst spät begriff; und geht es auch hier um die sattsam bekannte Dialektik von „Vergessen“ und „Wiederentdecken“, wie es 2021 Nicole Seifert in ihrer Polemik „Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen und wiederentdeckt“ und 2022 Iris Schürmann-Mock in ihrer im AvivA Verlag publizierten Untersuchung, „‚Ich finde es unanständig, vorsichtig zu leben‘. Auf den Spuren vergessener Schriftstellerinnen“ dargelegt haben), was uns von der Biographin intensiv nahe gebracht wird, und sprachlich fesselnd und überzeugend. Dasselbe wünschen wir uns auch für andere Dichterinnen Portugals!