Die wechselvollen historischen Ereignisse sind es, die den Nahen Osten für Europa interessant machen, wie auch seine geografische Lage als Brücke zwischen Orbis orientalis et occidentalis, die für europäische Mittelmeeranrainer das Tor in eine fremdartige, kulturell anziehende Welt bedeuten. In der Antike Teil der römischen Zivilisation wie so viele heute selbstständige Staaten im Westen und Osten unseres Kontinents, war und blieb der Orient Teil einer europäischen Erinnerungskultur. Nach und nach durch die arabische Eroberung der Region bis schließlich zum Fall Konstantinopels, wurden die Gebiete des Nahen Ostens für Europa unbekanntes Land. Die Stätten der Bibel, die die Religion der nachrömischen Zivilisationen prägte, waren nur noch Namen und für Gläubige kaum noch erreichbar.
Informationen boten oftmals Reiseberichte, die von Pilgern, Abenteurern, Händlern oder Menschen im Krieg verfasst wurden und – mit oder ohne deren Verfasser selbst – nach Europa gelangten. Als historische Quellen spielen sie wissenschaftsgeschichtlich eine bedeutende Rolle. In moderner Zeit verfasste Reisebeschreibungen zu dieser Region haftet immer noch die Aura des Fremdartigen an. Dabei sind es im Besonderen die übersteigerten Vorstellungen Europas von orientalischer Exotik.
In der durch Handel, Flugreisen und soziale Medien heutzutage globalisierten Welt, ist der Nahe Osten eine Region unter vielen geworden. Vor fünfzig Jahren war dies noch anders; Flugreisen waren für viele Menschen unerschwinglich, der Strand der Costa Brava war vielen geläufiger als Hurghada am Roten Meer. In dieser Zeit, genauer von Ende Dezember 1981 bis in das darauffolgende Jahr, besuchte der damals 20-jährige Peter Hemmelskamp Griechenland, Ägypten, den Sudan, Uganda sowie abschließend Kenia und Tansania. Einen Großteil dieser Reise hat er in Beschreibungen festgehalten. Es war keine durchgeplante Tour; der Bauernsohn aus Hude in Norddeutschland ist zu Beginn von einer inneren Unruhe getrieben, der heimischen Einöde entfliehen zu wollen: „Weg!“, um zu sich selbst zu finden, die private Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen. Die Eindrücke der unterschiedlichen Kulturen wird er in Gemälden in einem figurativ-abstrahierenden Stil verarbeiten. 2006 stirbt Hemmelskamp. Zu seinem 20. Todestag ist nun sein Reisebericht, der Teil des angekauften Nachlasses des Künstlers war, von Lars-Christian Szerwinski herausgegeben worden.
Mit einem Reisegeld in Höhe von 2.500 DM und einem Rucksack von 23 kg Gewicht, macht sich Peter Hemmelskamp über Neujahr mit dem Nachtzug über München und Belgrad auf den Weg nach Athen. So wie er reist, kommt er mit zahlreichen – wie er – sogenannten Individualtouristen in Kontakt, ist Unsicherheiten oder Schikanen verschiedener Ein- und Ausreisebehörden ausgesetzt und erlebt seine Fahrten wie die meisten Einheimischen mit den vor Ort zur Verfügung stehenden einfachen Verkehrsmitteln. Dazu gehört auch die dritte Klasse der ägyptischen Eisenbahn, die für den Buchtitel herangezogen wurde.
Der zweite Teil des Titels erinnert an den ersten Teil von Karl Mays Orient-Zyklus „Durch die Wüste“. Hemmelskamp ist jedoch entgegen des Protagonisten des Literaturwerks alleine unterwegs. Doch auch er besucht Kairo oder das Rote Meer, wenngleich Mord oder Entführung Hemmelskamp nicht begegnen werden. Doch sind seine Erlebnisse nicht minder aufregend, wird er immer wieder in ungeplante Situationen gebracht. Seine Schilderungen sind lebendig geschrieben und anschaulich verfasst. Geldmangel oder Behörden zwingen ihn zu Planungsänderungen, fehlende Nachtlager lassen ihn in Fluren schlafen oder er vergisst die Zeit über einem süßen Tee. Sein Bericht ist voll von neuen Wendungen – und spiegelt damit z. B. ägyptisches Leben ungefiltert wider, wo Unplanbarkeit nichts Ungewöhnliches ist. Der Reiz des Buches ist, dass Hemmelskamp die Leserschaft unmittelbar in die Handlung mitnimmt. Er unterstreicht damit die Zuverlässigkeit seiner geschilderten Erlebnisse, die nicht als Fiktion, sondern als Realität vermittelt werden, die er nachträglich aus Notizen erstellt haben wird. Das Fehlen einiger Seiten, die seinen Reisebericht unterbrechen, unterstreichen die Authentizität des Textes nachhaltig.
Einem Großteil der Leserschaft werden Erlebnisse wie Hemmelskamp sie machen konnte, nicht begegnet sein oder begegnen. Terroristische Anschläge, soziale Umwälzungen und Finanzkrisen haben zu weiteren Restriktionen in den von ihm bereisten Ländern geführt. Sich so frei wie er zu bewegen, ist gegenwärtig dort schwer vorstellbar. Die Aufzeichnungen aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts geben eine bereits vergangene Zeit wieder. Heute sind die Vorgaben, Länder wie Ägypten zu bereisen, starrer; der Sudan ist sogar im Bürgerkrieg zerrissen. Die einfühlsamen Skizzen Hemmelskamps fassen das gesellschaftliche Miteinander während seiner Reisezeit sehr gut zusammen. Vieles im menschlichen Umgang untereinander, was er anspricht, findet sich trotz veränderter Lebensumstände auch noch heute. Wer Interesse an Ägypten und dem Sudan hat oder die Länder aus eigener Anschauung kennt, wird an dem Buch, das Lars-Christian Szerwinski behutsam redigiert und sorgsam, ja liebevoll, herausgegeben hat, ohne Frage uneingeschränkte Freude haben.
Es ist eine kluge Entscheidung, derartige Berichte nicht erst hundert Jahre oder noch längere Zeiträume nach ihrer Abfassung zu publizieren, um auch die kulturpolitische Situation des Verfassenden nicht aus den Augen zu verlieren, denn nicht nur in Ägypten hat sich vieles verändert, sondern eben auch in Deutschland. Reisen in den Nahen Osten werden im Zeitalter mobiler Endgeräte zahlreich mit Bildern, dafür weniger gut mit ausführlichen Texten festgehalten, und was sich hiervon in fünfzig Jahren erhalten haben wird, gilt es dann zu prüfen.
Der Reiz der Region ist angesichts zahlreicher temporärer Chats, Videos, Musik und Bilderfluten nicht weiter exklusiv. Daher stellt sich die Frage, wer wie Peter Hemmelskamp noch die Unsicherheiten und Strapazen von dieser Reise „ohne Netz und doppelten Boden“ auf sich nehmen will, wie er es getan hat, wo doch die Exotik des Orients digital frei Haus geliefert wird.

Der Herausgeber des Bandes Lars-Christian Szerwinski auf der Leipziger Buchmesse 2026
© Ute Effland


