Stridens verklighet. Döden på slagfältet i svensk historia 1563–1814
Wirklich im Gefecht sein. Der Tod auf dem Schlachtfeld in der schwedischen Geschichte 1563–1814

Lars Ericson Wolke muss, als er sich an diese Arbeit machte, über eine in Jahrzehnten gewachsene Sammlung von Notizen zum Thema „Gefallene“ und „Begrabene“ verfügt haben. Der Zeitumfang ist beeindruckend: die Beispiele beginnen schon in der Antike und verdichten sich dann ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Man merkt, dass der Verfasser in seinem früheren Brotberuf Archivar war und sich besonders im Stockholmer Krigsarkiv gut auskennt. Lars Ericson Wolke setzt mit seinen Büchern die illustre Reihe schwedischer Archivare, die zu Historiographen mit einer Neigung zur Militärgeschichte wurden – Carl Adlersparre im 18., Julius Mankell im 19., Sven Lundkvist im 20. Jahrhundert – im 21.Jahrhundert fort.

In seiner Art zu schreiben bedient er ein breiteres Publikum, dies aber ohne Abstriche am wissenschaftlichen Apparat. Neun benutzte Archive, 22 Seiten benutzte Literatur und 534 Anmerkungen sprechen für sich. Fast alle Literaturhinweise sind mit Seitenangaben versehen. Den Löwenanteil der archivalischen Grundlagen ergaben 45 ganz verschiedene Bestände des Kriegsarchives: Rechnungen, Rollen, Gerichtsprotokolle, Rapporte, Tagebücher, Privatbriefe, offizielle Journale, Truppenlisten, Orden und Auszeichnungen. Ebenfalls sehr arbeitsaufwendig die Durchsicht der älteren Kirchenbücher aus den Provinzialarchiven von Lund im Süden bis Östersund im Norden, die ältesten um 1680 beginnend.

Das Buch rekapituliert die dreißig bewaffneten Auseinandersetzungen, in die Schweden während dreier Jahrhunderte verwickelt war, und lenkt den Blick auf deren technische Vorbereitung und Durchführung und dabei wiederum besonders auf die Motivation der Soldaten „zur Teilnahme an einem solchen offenbar lebensgefährlichen Treiben“ (S.27, Übers. D.P.). In der Einleitung werden nicht nur Schwedens Kriege angesprochen und aufgelistet, sondern auch die Grundzüge bewaffneter Auseinandersetzungen seit dem Mittelalter aufgezeigt und mit Beispielen aus dem ganzen nordatlantischen Raum illustriert. Ergänzend gibt es ausführliche Seitenblicke auf die Rolle des christlichen Glaubens, der Kameradschaft kleiner Gruppen, der Propaganda und der Anreize durch Orden, Ehrenzeichen und Belohnungen. Der Hauptteil widmet sich der Gefechtsausbildung und einzelnen Gefechten. Das Spektrum der Fallstudien zu Land reicht von Landskrona in Schonen (1677) bis Bornhöft in Holstein (1813), wo beide Male Dänen die Gegner waren. In Fraustadt in Polen 1706 waren die Gegner Sachsen und Russen, in Storkyro (1714), Porrassalmi (1789) und Oravais (1808) Russen auf finnischem Boden. Bei den Fallstudien zu Seegefechten liegt der Schwerpunkt auf dem 16. und 17.Jahrhundert mit Dänen und Polen als Gegnern. Dazu kommen noch zwei Gefechte gegen die russische Flotte im finnischen Meerbusen (Hangö 1714 und Svensksund, heute Kotka, 1790) und eine amphibische Operation im Nordteil des Bottnischen Meerbusens bei Umeå 1809. Doch geht es nicht nur um Gefechte. Fast ein Viertel des Buches beschäftigt sich mit dem, was nach dem Tod im Gefecht bzw. der Invalidisierung kommt: medizinische Versorgung, Beerdigung, Unterstützung der Hinterbliebenen, Kriegsgräberfürsorge.

Todesmut oder Todesangst werden in diesem Buch nicht problematisiert. Vielmehr werden konkrete Abläufe geschildert. Die Wendung des Soldaten zur Flucht aus dem Gefecht wird ebenso wie der Sturmlauf ins Abwehrfeuer hinein als ein Versuch betrachtet, dem Tod zu entkommen. Die Einstellung „Dulce et decorum“ (Dulce et decorum est pro patria mori – Dt. Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben. Vielzitierte Stelle aus den Oden des römischen Dichters Horaz (65– 8 v.Chr.)) ist nur in einzelnen Szenen zu erahnen. Im Fokus des Verfassers steht die Frage, wie das Militärsystem die teils freiwilligen, teils zwangsrekrutierten Soldaten dazu brachte, ihr Leben im Gefecht zu riskieren. Er bringt Hunderte von Beispielsituationen und liefert damit Psychologen und Sozialpsychologen ein umfangreiches Studienmaterial frei Haus. Ist es zum Beispiel mit dem Motiv Raubgier erklärbar, dass Menschen im Kugelhagel ein Dorf stürmen und in den Häusern plündern, während 24-pfündige Schrapnellgranaten die Hauswände durchlöchern (S. 237, Umeå 1809)?

Der Verfasser wählt seine Beispiele überwiegend aus den Kriegen Schwedens gegen Russland und Dänemark. Den Dreißigjährigen Krieg lässt er fast unberührt, obwohl Schwedens Archive zu diesem Thema überquellen. Das aber dürfte gerade der Grund hierfür sein: die Fülle des Materials hätte das Buchformat gesprengt. Seit Gunnar Wetterbergs Kanzlerbuch (Kanslern. Axel Oxenstierna i sin tid. Stockholm 2002, 1029 S.) ist in Schweden kein zum Verkauf bestimmtes Geschichtsbuch in dieser Größenordnung mehr erschienen. Die Hintansetzung des Dreißigjährigen Krieges ist natürlich für deutsche Leser trotzdem zu bedauern. Das Kapitel „Meuterer“ bringt zwölf Beispiele aus den Jahren 1598 bis 1789. Gerne hätte man hier einige der zahlreichen Meutereien, die bei den schwedischen Truppen nach dem Westfälischen Frieden 1648–1650 in Franken, Schlesien, Sachsen-Anhalt und Brandenburg ausbrachen, aus schwedischen Quellen beleuchtet gesehen. Aus deutschen Quellen zureichend erforscht ist bisher nur die Rebellion der Schweinfurter schwedischen Stadtbesatzung im Oktober 1649.

Ein eigenes Kapitel ist der Sprachenfrage gewidmet. Im Konglomeratstaat Schweden sprachen die Einwohner von Haus aus auch Deutsch, Estnisch, Finnisch, Lettisch und in Lappland Saabmi. Hinzu kamen die Söldner aus England, Frankreich, Irland, Polen und Schottland mit ihren Muttersprachen. Die lingua franca in Schwedens Armeen scheint im 16. und 17. Jahrhundert Deutsch gewesen zu sein. Mindestens bis 1689 wurde auch das Finnische als Kommandosprache gebraucht, das Estnische beim Landsturm noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Der Eid auf den neuen König Karl XII. wurde 1697 auch auf Estnisch geschworen. Für das Lettische hat sich kein Quellenzeugnis erhalten.

Sehr hilfreich ist die große Karte aller Länder rund um die Ostsee im Einband. Sie enthält die Orte der Schlachten von Schlesien bis Nordbottnien. Auch die Bebilderung lässt keine Wünsche offen. Sie besteht nicht nur aus hagiographischen Szenen, Porträts und Schlachtenmalereien. Unter den Zeichnungen sticht der Nahkampf zweier Fußsoldaten heraus, präzise beobachtet und zu Papier gebracht von dem Festungsbauingenieur Paul Dolnstein, der Anfang des 16. Jahrhunderts dem Dänenkönig gegen die aufständischen Schweden diente. Sein Tagebuch befindet sich im Staatsarchiv Weimar. Unter den Ölbildsujets vom Leben und Sterben der Soldaten sind die außerhalb Schwedens und Finnlands kaum bekannten Arbeiten von Gustaf Cederström (1845– 933), Albert Edelfelt (1854–1905) und Helene Schjerfbeck (1862–1946) hervorzuheben.

An Druck, Papier, Einband und Ausstattung gibt es nichts zu beanstanden. Historiska Media in Lund setzen damit eine Verlagstradition fort, die mit dem Buch „Svenska Knektar“ (Schwedische Knechte. Keine angeworbenen Landsknechte, sondern ausgehobenes Fußvolk, auch zur Bemannung von Kriegsschiffen) desselben Verfassers 1995 begonnen hat.

Lars Ericson Wolke hat in den letzten Jahren mit seinen Büchern dem historisch interessierten Leser schon mehrere angenehme Überraschungen bereitet. Denken wir nur an „Saarbataljonen. Svenska fredssoldater i Hitlers skugga 1934–35 (Das Saarbataillon. Schwedische Friedenssoldaten im Schatten Hitlers 1934–35)“ (2017) und an seine umfangreiche Goebbels-Biographie, von der in Schweden inzwischen die zweite Auflage erschienen ist. Das hier angezeigte, beispielgesättigte Kompendium über den Tod auf dem Schlachtfeld war vielleicht noch nicht die letzte Überraschung aus Stockholm.