Titel
Geschichte und Typologie der Sprachsysteme
Rezension

Der Sammelband vereinigt in teils überarbeiteter Fassung Vorträge, die im Oktober 2010 anlässlich einer internationalen Tagung zu Sprachtypologie und Sprachgeschichte an der Universität Zielona Góra / Grünberg (Polen) gehalten wurden. Ziel von Tagung und Band ist eine Verbindung beider Disziplinen im Sinne einer Überprüfung typologischer Modelle anhand empirischer historischer Daten einerseits und einer Ableitung solcher Modelle aus entsprechenden Daten andererseits. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf das Deutsche und andere germanische sowie auf das Polnische und andere slawische Sprachen gerichtet (vgl. auch zum Polnischen Marek Konopka: Polnisch. In: Thorsten Roelcke (Hg.): Variationstypologie / Variation Typology. Ein sprachtypologisches Handbuch der europäischen Sprachen in Geschichte und Gegenwart. Berlin / New York 2003, S. 657-683 und zum Deutschen im selben Band Thorsten Roelcke: Deutsch, S. 30-65).

Die 38 Beiträge, von denen sechs in englischer und 32 in deutscher Sprache vorliegen, werden in fünf Abschnitte unterschiedlichen Umfangs gegliedert:

  • Der erste Abschnitt umfasst zwei Beiträge grundlegender Natur: In dem einen wird ' alternativ zu Klassifikationen oder Skalierungen ' auf der Basis des WALS eine Konzeption einzelsprachlicher Repräsentanten sprachlicher Typen bzw. eine 'typology from the vantage point of different languages' (B. Comrie) vorgestellt, in dem anderen ein auf 'allgemeinen menschlichen Sprachprinzipien' basierendes Modell sprachlicher Analyse, das insbesondere auch in Grammatiken eingesetzt werden kann (J. Darski).
  • Die acht Beiträge des zweiten Abschnitts befassen sich mit verschiedenen Aspekten der Wort- und Satzgliedstellung. Dabei stehen die topologische Kennzeichnung von Aspekten im Altisländischen und Althochdeutschen (Beiträge von W. Abraham, E. Leiss und S. Schaller), die topologische Strukturierung von Informationen (Beiträge von R. Lühr und M. Durrell) sowie die Verbstellung innerhalb von Exklamativsätzen (Y. Fujinawa) und die Stellung von doppelten Objekten (A. Ogawa) im Zentrum des Interesses.
  • Im dritten Abschnitt, der grammatischen Kategorien und Relationen gewidmet ist, wird mit 19 Artikeln über die Hälfte aller Beiträge zusammengefasst. Das thematische Spektrum ist entsprechend breit, wobei verbale und nominale Einheiten aus formaler oder funktionaler Sicht überwiegend aus diachroner, aber auch aus synchroner Perspektive betrachtet werden; hier stehen wiederum das Deutsche und das Polnische (sprachvergleichend) im Vordergrund. Zu den Schwerpunkten gehören hier: 1. Determination: Definitheitsmarker in germanischen und slawischen Sprachen (Beiträge von M. Kotin und K. Piskorz); 2. Tempus und Aspekt: Perfekt im Polnischen und Resultativ in weiteren slawischen Sprachen (Beiträge von J. Piskorz und A. Kątny), analytische Konstruktionen im Kaschubischen (P. Bartelik) sowie Perfekt und Futur im Althochdeutschen (Beiträge von S. Kuroda und M. Schönherr); 3. Modalität: Konjunktiv sowie Modalverben, -angaben und -sätze im Polnischen, Deutschen und anderen indoeuropäischen Sprachen (Beiträge von K. Krasuchin, Ł. Jędrzejowski und C. Schatte); 4. Nominalflexion und -syntax: Kasus im Deutschen und im Russischen sowie lokale und temporale Relationen im Ketischen (Beiträge von H. Vater, S. Mengel und E. Krjukova); 5. Wandel von Verben: 'geben'-Passiv im Westmittel- und -oberdeutschen sowie Geschehensverbsätze im Mittelhochdeutschen (Beiträge von H. Wegener und O. Prokopczuk); 6. Weitere Themen: Negation im Mittelhochdeutschen bei Meister Eckhart (H.-W. Eroms), Syntax des Mittelniederdeutschen (I. Rösler), Subjektsätze im Deutschen und Polnischen (J. Taborek), Transitivität im Polnischen und Englischen (M. Kuczyński).
  • Der vierte Abschnitt vereinigt sechs Beiträge mit verschiedenartigen semantischen Themen: Bedeutungswandel im Allgemeinen sowie metaphorischer Bedeutungswandel im Besonderen (Beiträge von J. Wiktorowicz und E. Kotorova), Bedeutungswandel von 'lâzen' im Mittel- und im Frühneuhochdeutschen (O. Takeichi), Bezeichnungen für Körperteile (E. Klopotova), Anglizismen in deutschen Wörterbüchern (R. Lipczuk), Deutsch und Polnisch im Vergleich (W. Gladrow).
  • Der fünfte und letzte Abschnitt beschäftigt sich in drei Beiträgen mit inner- und außersprachlichen Faktoren des Sprachwandels: bei der Entwicklung von Bibeltexten (Y. Yakovenko), im Verhältnis zwischen laut- und schriftsprachlichem System am Beispiel der Präposition 'auf' (M. Biszczanik) sowie im geografischem Nebeneinander von Niederdeutsch und Hochdeutsch am Beispiel von Halberstadt (C. Squires).

Diese Übersicht lässt das breite thematische Spektrum deutlich werden, das in dem vorliegenden Band zur Sprache kommt. Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Band zahlreiche Aufsätze enthält, die hinsichtlich ihrer theoretischen Konzeption, ihrer argumentativen Anlage oder ihrer innovativen Kraft als ausgesprochen hochwertig anzusehen sind. Selbst wenn die Qualität der Beiträge unter diesen und anderen Gesichtspunkten letztlich dennoch schwankend ist ' wobei übrigens gerade auch viele gute Beiträge jüngerer oder (vermeintlich) weniger bekannter Autorinnen und Autoren zu entdecken sind ', kann dem Band eine insgesamt recht hohe Qualität bescheinigt werden: Das Werk wird somit in dieser Hinsicht seinem Anspruch, 'einen Beitrag zur aktuellen Forschungsdiskussion in der Sprachgeschichte, Sprachtypologie und kontrastiven Linguistik zu leisten' (S. 11), durchaus gerecht.
Offensichtlich 'sahen sich die Herausgeber [im Rahmen der Tagung] veranlasst, gerade die Schnittstellen und Affinitäten zu thematisieren, insbesondere die Wechselbeziehungen zwischen Sprachtypologie und Sprachgeschichte bzw. Sprachwandel' (S. 9). Eine solche Pointierung der einzelnen Beiträge, ihre Vernetzung untereinander sowie deren Einordnung in die aktuelle Forschung bleiben indessen in dem vorliegenden Tagungsband selbst aus (und würden den Rahmen dieser Rezension sprengen): Hier hätte eine entsprechend angelegte Einführung ' trotz oder gerade wegen der thematischen Heterogenität der Beiträge ' sicher eine gute Orientierung für den Leser darstellen können. Dies gilt auch für Abstracts und Keywords zu einzelnen Beiträgen oder ein Namen- und ein Sachregister, auf welche leider ebenfalls verzichtet wurde.

Im Ganzen betrachtet, liegt hier also ein wertvoller Tagungsband vor, der thematisch breit gefächert und qualitativ hochwertig ist. Allein die Herausgabegestaltung steht hinter demjenigen zurück, was sich bei anderen Bänden dieser Art inzwischen als gute Norm hat etablieren können.

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