Titel
Literatur und Wissen
Untertitel
Theoretisch-methodische Zugänge
Rezension

Die mittlerweile schier unüberblickbare Menge neuer Publikationen zum Thema Wissen in Literatur erfordert neue Systematisierungsprojekte und eine grundlegende theoretische Reflexion auf die Erstannahmen der zahlreichen Theorien zum epistemischen Gehalt literarischer Texte. Eine begriffliche Bestimmung der Voraussetzungen, Herangehensweisen und Problemstellungen in diesem Gebiet zielt nicht auf die je konkreten Inhalte spezifisch literarischen Wissens, sondern allgemein auf dessen Struktur und seine Wechselwirkungen mit anderen Wissensformen und sprachlich verfassten Bereichen menschlichen Denkens. Ausarbeitungen, die sich dieser Aufgabe annehmen, sind bislang leider vergleichsweise selten. Nachdem in den letzten Jahren zahlreiche Einzeluntersuchungen zu literarischem Wissen in einzelnen Werken, Epochen oder Textformen erschienen sind, liegt mit diesem Sammelband endlich wieder eine Publikation vor, in der die titelgebende Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Literatur primär sprachphilosophisch und wissenschaftstheoretisch verhandelt wird. In dem bei 240 Seiten leider 100 ¤ teuren Band vermessen sieben Autorinnen und Autoren das so kontroverse wie heterogene Forschungsfeld, ohne dabei ihren eigenen Standpunkt zu kaschieren oder zu generalisieren. Dadurch wird die enorme theoretische und methodische Vielfalt der Überlegungen zum literarischen Wissen sichtbar, wobei die ideenreichen Systematisierungsvorschläge in den Einzelbeiträgen immer wieder auf theoriegeschichtlich bekannte Ansätze bezogen werden und dadurch zu einer schnellen Orientierung auch in der Umgebung bereits kanonischer Theorien verhelfen.

Schon die Einleitung des vorliegenden Sammelbandes zielt auf die Errichtung eines allgemeinen Schemas, das drei Ordnungsgruppen unterscheidet. Das Verhältnis von Wissen und Literatur kann nach Tilmann Köppe in einem kommunikationstheoretischen Modell, hinsichtlich der 'wissensbezogenen Leistungen von Literatur' oder auf einer wissenschaftstheoretischen Ebene im Verhältnis zu neu entstandenen oder schon bestehenden literaturwissenschaftlichen Arbeitsfeldern und Forschungsprogrammen beschrieben werden. Indem Köppe diese drei Rubriken analytisch entwickelt und mit Beispielen anreichert, entstehen wichtige, von den BeiträgerInnen aufgegriffene Anschlussfragen, beispielsweise nach den Trägern, Besitzern oder Speichermedien dieses rätselhaften Wissens, den Funktionen und Mechanismen seiner Verbreitung oder den disziplinären Grenzen seiner wissenschaftlichen Erschließung. Die verschiedenen Beiträge des Bandes gehen allerdings von anderen Systematisierungen aus und legen zum Teil grundsätzlich verschiedene, in Köppes Typologie kaum einzugliedernde Bestimmungen von Wissen bzw. literarischer Kommunikation zugrunde. Gleichwohl ist das von Köppe zu Beginn vorgeschlagene Ordnungsschema hilfreich und wäre in einer etwas ausführlicher begründeten Darstellung einen eigenen Beitrag wert gewesen. Als Einleitung hätten in diesem Fall ein paar ergänzende Worte zu der hilfreichen Zusammenfassung der Einzelbeiträge gereicht. Der Verortung des Bandes dienlich ist auch die hervorragende Auswahlbibliographie, die wie die Einleitung selbst eine Affinität des Herausgebers zur analytischen Philosophie des anglophonen Raumes deutlich erkennen lässt.

Die sieben Beiträge eint, dass sie das konsequent hohe Abstraktionsniveau halten, auf dem die Explikation eines hinreichend weiten und formalen Wissensbegriffes zur Beschreibung spezifisch literarisches Wissen allein gelingen kann. Stellvertretend für die in diesem Band charakteristische Vorgehensweise sei nur der Text von Lutz Danneberg und Carlos Spoerhase erwähnt, in dem ebenfalls im Zeichen der analytischen Sprachphilosophie wissenspoetologische Problemfelder sondiert und allgemeine Fragen der literaturwissenschaftlichen Ästhetik thematisch ausgerichtet werden, anstatt ihre vorschnelle Beantwortung zu intendieren. In ihrem Fokus stehen Überlegungen zur Artefaktgenese, zum logischen Status der Fiktion, zum Wissensträger und zur epistemischen Innovationsfähigkeit von Literatur. Wie bei Danneberg und Spoerhase, befindet sich im thematischen Zentrum der anderen Aufsätze nicht der Literaturbegriff, von dem ausgehend der epistemische Effekt literarischer Redeformen erschlossen werden könnte, sondern vielmehr das spezifische Wissen, von dem ausgehend erst in einem nachfolgenden Schritt die Literatur als sein möglicher Träger beschrieben werden kann. Diese Herangehensweise erweist sich für den vorliegenden Sammelband als sinnvoll und bereichernd, weil eine Rekonstruktion, die nicht von der komplizierten Frage nach dem Wesen der Literatur, sondern von dem vergleichsweise weiten Begriff des Wissens ausgeht, auch an Phänomenen erprobt werden kann, die zur Entfaltung des hier gesuchten epistemischen Gehaltes nicht eines literarischen Textes bedürfen, sondern beispielsweise im Autor, der Rezipientin oder einer Kollektiventität wie dem Diskurs lokalisiert werden müssen. Eine solche Vorentscheidung erfordert allerdings eine eingehende Analyse des Wissensbegriffes. Daher wäre es schön gewesen, hätten die Herausgeber auch einen Philosophen zur Thematisierung allein des Wissensbegriffes in diesem speziellen Verwendungskontext herangezogen. Die stattdessen befragten Literaturwissenschaftler kompensieren dieses Defizit allerdings durch ihre interdisziplinäre Herangehensweise. Ihre leitmotivisch wiederkehrenden Referenztheoretiker nehmen für gewöhnlich prominente Positionen in der Soziologie, der Kulturwissenschaft, der Literaturwissenschaft und der Philosophie ein. Dabei kommen in dieser Debatte bekannte Kandidaten zur Sprache, wie beispielsweise das nicht-propositionale Wissen Gottfried Gabriels (Andrea Albrecht), der von Foucault in diesem Kontext omnipräsente Begriff des Diskurses (Olav Krämer, Claus-Michael Ort) oder die von Luhmanns Systemtheorie inspirierte strukturelle Koppelung (Claus-Michael Ort).

Beispielgebend für die disziplinäre Variationsbreite der vorliegenden Untersuchungen ist der Artikel von Olav Krämer, der nach den verschiedenen literaturwissenschaftlichen 'Erklärungsweisen' [78] des Verhältnisses von Literatur und wissenschaftlichem Wissen fragt. Schon an dieser Problemstellung ist der für den gesamten Band repräsentative Wechsel von der Ebene einer gegenstandsbezogenen Literaturwissenschaft auf die Ebene einer Wissenschaftstheorie der Literaturwissenschaft erkennbar. Aus der Perspektive einer solchen Wissenschaftstheorie zeigt sich, dass die Bestimmungen des Verhältnisses von Literatur und wissenschaftlichem Wissen je andere Begriffe von Literatur und Wissen zugrunde legen und abweichende Erklärungsziele verfolgen. Die von ihm identifizierten Erklärungsweisen des Literatur-Wissen Verhältnisses 'unterscheiden sich nicht nur darin, was für ein Explanans sie bemühen, sondern teilweise auch in dem exakten Zuschnitt der Explananda' [78]. Im Folgenden verzeichnet Krämer drei Typen der Verhältnisbestimmung, von denen die erste ' die Intention ' von dem klassischen Gedanken ausgeht, der Autor lege oder speichere sein (wissenschaftliches) Wissen in einem Text. Korrelationsthesen gehen hingegen von einer Art struktureller Äquivalenz literarischer und wissenschaftlicher Diskurssysteme aus und können den in dieser Formulierung entbehrlichen Begriff des absichtsvoll handelnden Subjektes zur Disposition stellen. Die Kollektiventitäten, die hier agieren, werden mit quasi-soziologischen Begriffen wie beispielsweise dem des kulturellen Wissens oder dem Begriff des Zeitbewusstseins fassbar. Skeptisch tritt Krämer den Zirkulationstheorien gegenüber, deren Metapher eines Wissensraumes, in dem Wissensbestände zwischen verschiedenen Wissensordnungen zirkulieren, ihm erläuterungsbedürftig zu sein scheint. An dieser Stelle ist es allerdings nachrangig, ob die kritischen Argumente gegen die von Foucault stammenden Zirkulationstheorien wirklich schlüssig sind, denn der eigentliche Ertrag der Ausführungen von Krämer liegt wie der des gesamten Herausgeberkonzeptes weniger im Positionsbezug, als vielmehr in einer weitreichenden Forschungsperspektive, die sich im wissenschaftstheoretischen Anflug auf die Thematik bietet. Wie auch die Typologien seiner hier publizierenden Kollegen unternimmt Krämer grundsätzliche Überlegungen, um ein Forschungsfeld zu bestellen, dass gegenwärtig üppig wuchert und nur zu kartographieren ist, wenn vom individuellen theoretischen Gewächs zugunsten einer allgemeinen Beschreibung der Typologien und Ordnungssysteme abstrahiert wird. Damit kann aber zugleich sichergestellt werden, dass die erzielten Ergebnisse nicht nur in Bezug auf den jeweiligen beispielgebenden Fall Gültigkeit beanspruchen können, wie in zahlreichen literarischen Untersuchungen zu Wissensordnungen in den Werken eines bestimmten Autors oder einer bestimmten Epoche. Doch obwohl die Mehrzahl der Beiträge auf einer theoretischen Ebene verbleibt, muss die Anwendungsperspektive nicht allein durch den Leser hergestellt werden. Für eine Erdung der sprachphilosophisch kenntnisreichen Überlegungen sorgen entweder ausführliche Fußnoten oder ' wie im Beitrag von Danneberg ' ausführliche Exkurse. Dass sich zwei Beiträge finden lassen, in denen das Wissen der Literatur beispielhaft an bestimmten literarischen Texten oder theoriegeschichtlich entwickelt wird (Gideon Stiening schreibt über Goethes 'Metamorphose der Pflanzen', Sandra Richter über 'Wirtschaftliches Wissen in der Literatur um 1900'), führt unter dem Eindruck der ansonsten unabhängig vom literarischen Beispiel entfalteten Argumentationen zu einem Gewinn an Plastizität und Lesbarkeit, schränkt aber nicht die Geltungsreichweite der erzielten Ergebnisse auf den Beispieltext ein.

Gerade weil es diesem Band an fast nichts mangelt, fällt das Fehlen eines Beitrages aus der Hermeneutik besonders schmerzlich ins Gewicht. Denn gerade für die in der theoretischen Tradition von Dilthey stehenden Konzeptionen ist die Verschränkung von Literatur und Wissen eine konstitutive Gründungsproblematik. Abgesehen von dieser auffälligen Leerstelle bietet die vorliegende Publikation eine offene Momentaufnahme der aktuellsten Forschung zum Thema Wissen in Literatur und sollte daher in keiner germanistischen Bibliothek fehlen.

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