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Archive der Erinnerung
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Literarische Zeugnisse des Überlebens nach der Shoah in Frankreich
Rezension

Der Gegenstand der Habilitationsschrift ist die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Zeugenschaft während der französischen Nachkriegszeit, wobei Silke Segler-Messner den  Ausgangspunkt ihrer Überlegungen in der Unvereinbarkeit zweier Topoi sieht, die den Zeugendiskurs kennzeichnen: das Bedürfnis von Überlebenden der Shoah, "Zeugnis abzulegen" und dessen "adäquater Ausdruck" (S. 1).

Um die spezifischen Entstehungsbedingungen von Texten der Zeugenliteratur zu berücksichtigen, wird für die Studie ein kulturwissenschaftlicher Ansatz gewählt, mit dem das primäre Ziel, die "Darlegung der unterschiedlichen Bedeutungsschichten, die die Rede des Zeugen determinieren" (S. 8), angestrebt wird. Es soll daher um eine Verortung der Texte der ersten Zeugengeneration innerhalb des kulturellen Umfelds gehen (vgl. S. 4), indem Bezüge zur geistesgeschichtlichen Deutung während und nach der Shoah sowie zu deren Wahrnehmung im Frankreich der Nachkriegszeit hergestellt werden.

Im Aufbau schlägt sich diese Konzeption in fünf Hauptteilen zuzüglich Einleitung und Schlußbetrachtung nieder. In Teil 1, "Zum Verhältnis zwischen Literatur und Zeugenschaft", werden Zeugenberichte als Untersuchungsgegenstand der Historiographie und der Literaturwissenschaft verortet und zentrale Begriffe wie Zeugenschaft, Überleben, Authentizität, Undarstellbarkeit und die Bedeutung der fiktionalen Ausgestaltung diskutiert und aufeinander bezogen. Darüber hinaus wird der sich wandelnde öffentliche Umgang mit der Shoah und deren Überlebenden im Frankreich der Nachkriegszeit skizziert, dem zunächst mehr an der Glorifizierung der Résistance und somit dem Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus lag, die aus politischen Gründen deportiert wurden. Im zweiten Teil der Studie wird "Die europäische Debatte zur question juive" anhand von soziologischen und philosophischen Betrachtungen von Emmanuel Lévinas, Georges Bataille, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Jean Paul Sartre und Hannah Arendt ausgeleuchtet und die einzelnen Ansätze zueinander in Bezug gestellt. Der dritte Teil, "Zeugenschaft und Widerstand in der französischen Nachkriegszeit", behandelt die Bedeutung der literarischen Zeugenschaft, die als "Gratwanderung zwischen Autobiographie, Fiktion und Geschichte" (S. 123) bezeichnet wird, und greift nochmals die Differenzierung der Opfer in politische und ethnische auf. In den Teilen 4 und 5 werden Texte der ersten Zeugengeneration, Germaine Tillions, Charlotte Delbos, Jorge Semprun, Robert Antelme, David Roussets, Vladimir Jankélévitch, Paul Steinberg, Léon Arditti, Odette Abid, Joseph Gourand und Elie Wiesel, Texten der zweiten Zeugengeneration, Sarah Kofman, Raymond Federman, Henri Raczymow, gegenübergestellt.

Leider wird dem Leser eine Begründung für die Auswahl der Primärtexte wie auch deren Einordnung vorenthalten - in doppelter Hinsicht. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist zwar in der Bibliographie ausfindig zu machen, aber ein paar wenige Informationen zu den Autoren in den Fußnoten wären ein netter Service und noch lange kein "autorenzentrierter Zugriff" (S. 8), von dem sich Segler-Messner distanziert. Desweiteren kommt es auch nicht zur "kulturellen Verortung" der literarischen Zeugnisse, wie eingangs angekündigt und durch den äußeren Aufbau der Arbeit bestärkt. So sind zwar die Darstellung der zeitgenössischen soziologischen und philosophischen Überlegungen wie auch die Verweise in "Zeugenschaft und Widerstand in der französischen Nachkriegszeit" sehr erhellend - hier sind u. a. die Ausführungen zu Bertrand d`Astorg, der der littérature d´imagination die littérature de témoignage der Nachkriegszeit gegenüberstellt, und insbesondere die Diskussion zum Trauma und dessen Bedeutung für die Überlebendenliteratur zu nennen - , jedoch werden diese ohne Fokussierung auf ein konkretes Erkenntnisinteresse diskutiert. Die Betrachtung der Primärtexte bleibt bis auf wenige Ausnahmen ohne Bezug auf die vorher dargestellten Überlegungen, womit deren Übergewicht in der Arbeit in Frage gestellt wird, zudem daraus auch keine Schlüsse für ein Instrumentarium zur Untersuchung der Texte gezogen werden.

Die unbestrittene Stärke der Publikation ist jedoch der Eindruck, der dem Leser von der Stimmung, Wahrnehmung und Beurteilung der Shoah in der französischen Nachkriegszeit  bleibt, was durch den geistesgeschichtlichen Querschnitt erreicht wird und zumindest dem kulturwissenschaftlichen Anspruch der Arbeit absolut Rechnung trägt.

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