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Gesamtansicht Rezensionen

978-3-7013-1305-1
Mein Gedicht ist mein Gesicht
Invention einer orphischen Landschaft. Auswahl, Übersetzung aus dem Slowenischen und Komposition Ludwig Hartinger

Wenn die Editionen von Kosovels (1904-1926) schriftlichen Hinterlassenschaften sich als „windungsreich“, „noch immer nicht abgeschlossen“ (S. 173) erweisen, der Übersetzer in diesem Fall seine eigene Auswahl trifft, als seine besondere Komposition aufgrund der geistigen Intimkenntnis des Slowenen so vorzulegen wagt, darf er sich bei dieser eigens konstellierten, gefügten, zusammenfließenden Verwendung der Basistexte, der prinzipiellen Zustimmung ihres Urhebers sicher sein. …

978-3-8062-4559-2
Gerechtigkeit für Tiere
Unsere kollektive Verantwortung

„Die Zukunft, das sind wir“ (S. 355), so die Ratio der Autorin bei ihrer Ambition, „eine philosophische Theorie vor[zulegen], die auf einer sachgemäßen Sichtweise des Lebens der Tiere beruht und dem Recht kompetente Empfehlungen gibt“. (S. 12) Ihr Zugang wie Ausgang sind ihre Emotionen, nämlich „Staunen, Mitgefühl und Empörung“ (S. 25), wobei letztere sie als „Übergangszorn“, weil „ohne Vergeltungswünsche“ (S. 40) einführt: vergleichbar einem elterlichen Zorn, der für die Kinder anlässlich ihres Fehlverhaltens Abhilfe zu schaffen sucht. Und während spürbar Sensibilität die gesamte Aufbereitung grundiert, bestimmen vorwiegend Appelle an die Vernunft das Gesamtwerk. …

978-3-518-12803-9
Heller Weg, Donezk
Bericht aus einem Foltergefängnis

Der Bericht beinhaltet den Spezialfall einer Art staatlichen Einbürgerungsoffensive, praktiziert an dazu erklärten Spezialfällen von Menschen (noch vor der „Spezialoperation“ Russlands zur Annexion ukrainischen Staatsgebiets ab Februar 2022). Der in seiner Geburtsstadt Donezk (von 1924‒1961 Stalino) auf Veranlassung ukrainisch-prorussischer wie russischer Geheimdienste 969 Tage (2017‒19) inhaftierte Autor, wurde mittels Austausches freigelassen. Was er, als Journalist, hierauf zu schreiben vermag, sollte sich also herumsprechen. Was macht die hier den Menschen bereiteten Qualen so besonders? Dass man sich in den Zellen mit Türen zudeckt (vgl. S. 94) wohl nicht, eher schon, um, als dressierter Reflex, sich durch Vergleiche mit (noch) Schrecklich(er)em „Erleichterung“ zu verschaffen, die Atmosphäre als Insass:innen eines deutschen KZ’s simuliert (S. 186/187). …

978-3-10-397645-8
Israel, 7. Oktober
Protokoll eines Anschlags

Das Buch der israelischen Journalistin und Theaterregisseurin Lee Yaron über den 7. Oktober ist weit mehr als ein „Protokoll eines Anschlags“, wie es im Untertitel heißt. Sicher ist es auch eine Chronik, die Yaron auf Grundlage von Gesprächen mit Überlebenden und anderen sowie von Telefonprotokollen, Kurznachrichten und vielem anderen mehr, erstellt hat. Es ist aber auch eine Art Yitzkor-Buch, das Erinnern und Gedenken in sich vereint. Es ist, wie Yaron schreibt, „eine Abwehr gegen Verzerrung, eine Abwehr gegen das Vergessen“ (S. 23) – beides setzte schon am 7. Oktober ein und setzt sich bis heute fort. Vielfach wurde gar nicht erst richtig hingesehen. …

978-3-633-54336-6
Die Tore von Gaza
Eine Geschichte von Terror, Tod, Überleben und Hoffnung

„Ich wollte dieses Buch nicht schreiben“ (S. 389), gesteht der Journalist und Autor Amir Tibon am Ende des Buches. Dass er es dennoch getan hat, ist ein Glücksfall. Amir Tibon gehört mit seiner Frau und ihren zwei Kindern zu den Überlebenden des 7. Oktober im Kibbuz Nahal Oz, einem der ersten Orte, die die Hamas in den frühen Morgenstunden attackiert hat.
Der Kibbuz grenzt unmittelbar an den Gazastreifen, daher greift dort der Schutzschirm der israelischen Luftabwehr, des sogenannten Iron Dome, nicht. Die Bewohnerinnen und Bewohner des fast 500 Menschen zählenden Kibbuzes waren den Beschuss mit Mörsergranaten von Zeit zu Zeit gewöhnt. So schien es auch am 7. Oktober früh morgens nichts Ungewöhnliches zu sein als das vertraute Geräusch einer heranfliegenden Mörsergranate das Paar weckte. …

 
978-3-7017-3609-6
Kommunikation mit unverständlichen Maschinen

„Scheinbar haben wir den Traum (oder Albtraum) der KI endlich verwirklicht“ (S. 23), hebt die Autorin an; ermöglicht sie es doch, „an einer Kommunikation teilzunehmen, ohne mit einem menschlichen Wesen zu kommunizieren“, dabei „Informationen“ zu erhalten, an die „niemand […] bisher […] gedacht [hatte]“ (S. 88). In Espositos, hier aus einem Vortrag hervorgegangenen Theoriepräsentation wird der Begriff KI durch den der „‘Künstliche[n] Kommunikation‘“ (S. 31) ersetzt; wobei der Titel ihrer früheren Darstellung: „Artificial Communication: How Algorithms Produce Social Intelligence” (Cambridge 2022) verdeutlicht, worauf sie eigentlich hinauswill. …

978-3-633-54333-5
7. Oktober
Stimmen aus Israel

Der diesjährige Almanach der Leo Baeck Institute widmet sich, wie könnte es auch anders sein, dem 7. Oktober, dem noch namenlosen Massenmord von Hamas-Terroristen und Zivilisten aus dem Gazastreifen an Israelis in angrenzenden Kibbuzim, Ortschaften, in Stützpunkten der Israelischen Armee und auf dem Nova-Festival in der Wüste. Zahlreiche Autorinnen und Autoren aus Israel widmen sich diesem einschneidenden Ereignis aus recht unterschiedlichen Perspektiven, die jedoch eins eint: In allen Beiträgen wird deutlich, dass die Morde des 7. Oktober – ihre Systematik, ihre Dimension und die Bestialität ihrer Durchführung – eine Wasserscheide sind. …

978-3-7076-0821-2
Vernichtet
Österreichische Jüdinnen und Juden in den Ghettos des Generalgouvernements 1941/1942

Fast zeitgleich mit Andrea Löws großer Studie über deutschsprachige Jüdinnen und Juden im deutsch besetzten Osteuropa ist mit Walter Manoscheks Buch ein weiterer Beitrag zu diesem bislang vernachlässigten Thema erschienen. Sein Fokus liegt auf den österreichischen Jüdinnen und Juden im sogenannten Generalgouvernement, dem deutsch besetzten Zentralpolen, in den Jahren 1941/42, ist also enger und auf eine kleinere Gruppe von Menschen begrenzt. Der Untertitel darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Manoschek zeitlich früher ansetzt. …

978-3-451-39896-4
Neue Publikationen zum 30. Juni 1934

Der 30. Juni 1934, die Ermordung von mehr als 90 Menschen vor allem aus der SA auf Befehl Hitlers, ist ein zentrales Datum in der Frühgeschichte der NS-Diktatur. Er markiert gewissermaßen die Schlussetappe der Etablierung der Diktatur und der Ausschaltung der Widersacher Hitlers innerhalb der NS-Bewegung sowie innerhalb des Regierungslagers, nachdem 1933 bereits die wirkliche Opposition brutal niedergeschlagen worden war. Lange Zeit wurden die Morde 1934 auch in Forschung und Schulbüchern der NS-Propaganda folgend als „Röhm-Putsch“ bezeichnet, mal mit distanzierenden Anführungszeichen, mal ohne. Sven-Felix Kellerhoff, Autor einer hier zu besprechenden neuen Monografie, bleibt bei der überholten Bezeichnung, die sich auf den damaligen SA-Führer Ernst Röhm bezieht, und unterstreicht sie gar mit einem Ausrufezeichen. Doch der Reihe nach. …

978-3-8353-5216-2
Vergangenheitskonstruktionen
Erinnerungspolitik im Zeichen von Ambiguitätstoleranz

Etwas Schwelendes, Dräuendes über den Menschen (siehe Zeichnung ‚Rauchgeschöpfe‘ am Frontispiz) und etwas Schwärendes in ihnen wird hier verhandelt: konkreter, animose Gefühlslagen, negative Empfindungen, die bei der Ausgestaltung, Bebilderung, Konstruktion ihrer jeweiligen Vergangenheiten sich fatal auf deren gegenwärtige Bewertungsmodi auswirken (können). Mit der Feststellung: „Sicher ist, dass Erinnerungen an geschichtliches Unheil all gegenwärtig sind“ (S. 301), wird eine universelle Gültigkeit dieses Phänomens behauptet, wobei mit der Vernachlässigung positiv gestimmter Gefühlslagen auch schon das Beispiel zur Übung jener Haltung gegeben wird, für die das Autorenteam zentral wirbt: Ambiguitätstoleranz. …