Das Studienbuch Geschichte Israels. Von Abraham bis Bar Kochba: Heilsgeschichte und Historie stellt den Bezug zwischen erinnerter Geschehnisse der jüdischen Tradition und kulturübergreifenden historischen Ereignissen her. Oder, wie es Verfasser Klaus Dorn, ehemals Dozent für Katholische Theologie in Marburg, zusammenfasst: Es beschreibt die unterschiedlichen Sicht- und Wirkungsweisen einer erzählenden Epoche auf eine erzählte Vergangenheit, zwischen denen Jahrhunderte liegen können. Den historischen Kern der Erzählung und der Erzählzeit miteinander zu verknüpfen, ist der methodische Ansatz dieser vorliegenden Darstellung zum alten Israel. Er entkleidet die Geschichtsinterpretation des jüdischen Denkens, die die Menschheitsgeschichte als Gottes souveränes Wirken in der Weltgeschichte versteht, von ihrem Heilsbegriff, um zu den realen Ereignissen zu gelangen, die in der Heilsgeschichte enthalten sind.
21 Kapitel gliedern den Band klar und übersichtlich. In zwei Vorbemerkungen – zur Heils- und zur Überlieferungsgeschichte (S. 15-20) – wirft Dorn einen Blick auf die jüdische Vorstellung der eigenen Kulturentstehung (S. 21-30). Ihm folgen konzise Beschreibungen der Vätererzählungen (S. 31-56), zum Verhältnis Altägyptens und Israels (S. 57-72, S. 95-122), zum Exodus (S. 73-78), zur Herausbildung des Monotheismus (S. 79-86), zu Moses (S. 87-93) und zu Josua (S. 123-135). Anschließend an die Landnahme thematisiert der Autor die Sesshaftwerdung in vorstaatlicher Zeit (S. 137-146), das frühe (S. 147-167) und das nachfolgende Königtum (S. 169-208) bis zum Ende des Südreichs (S. 209-227), eingeschlossen ein Exkurs zu Joschija und Ahab (S. 229-236). Die letzten Abschnitte widmen sich den Themen Exil und Rückkehr (S. 237-242), Hellenismus (S. 243-256), Herodianer (S. 257-269) und römische Herrschaft (S. 271-289).
Einen besonderen Bezug stellt Klaus Dorn immer wieder zu Ägypten her: Es ist, abgesehen von Israel selbst, die Kultur, die mit etwa 785 Belegen im Alten Testament am häufigsten genannt wird (vgl. S. 97). Das ambivalente Verhältnis zwischen Israel und Ägypten fasst der Autor in verschiedenen Einzelpunkten übersichtlich zusammen: den alttestamentlichen „Stammbaum“ Ägyptens (S. 98-99), Ägypten als Land der Zuflucht (S. 100-104), welches zu Zeiten von Hungersnöten Versorgung bietet, als politischer Partner und Gegner (S. 104-110) und Ägypten als Ausgangspunkt des Exodus (S. 110-113), aus dem zahlreiche theologische Begründungen hergeleitet werden. Besonders interessant ist die Vermutung Dorns, dass ausgehend von dem Feldzug Thutmosis III. (ca. 1486 v. Chr.-1425 v. Chr.) und dessen Vorstoß nach Megiddo, das Wissen um einen wenig bekannten Zugang in die Region über Pharao Scheschonq (Feldzug um 925 v. Chr.) bis zu König Necho (Feldzug 609 v. Chr.) weitergegeben werden konnte. Diese Kenntnis brachte die ägyptischen Angreifer stets in eine vorteilhafte Situation gegenüber den jüdischen Truppen.
Klaus Dorn baut seine Kapitel nach einem einheitlichen, aber bei Bedarf angepassten Muster auf: In einem ersten Schritt schildert er die Beschreibungen aus Sicht der testamentlichen Überlieferung („Was sagt die Schrift?“), der er historische Betrachtungen folgen lässt („Die Historie“). Eine Zusammenfassung am Kapitelende wiederholt die wichtigsten Aspekte. Diese tragfähige Konzeption in Verbindung mit hoher didaktischer Kompetenz und souveräner Auseinandersetzung mit theologischer Fachliteratur und deren angrenzenden Fachgebieten machen den Band zu einer außerordentlich hilfreichen, lesenswerten Zusammenschau über das alte Israel. Karten und verdeutlichende Bebilderung runden den äußerst erfreulichen Gesamteindruck des angezeigten Studienbuches ab.
Aufgrund der fachübergreifenden Konzeption wendet sich das Buch nicht nur an Studierende der Theologie oder der Religionswissenschaft, sondern darüber hinaus an solche der Altorientalistik, der Ägyptologie oder der Alten Geschichte, sowie auch an die an dem Thema interessierte Leserschaft, die einen kurzen, aber inhaltsreichen Einstieg in die Thematik sucht.


