Johannes Reuchlin (1455–1522) neu gelesen
Ein württembergischer Rat und Gelehrter im europäischen Kontext (CONTUBERNIUM. Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte 93)

Der Band versammelt vierzehn Vorträge, die anlässlich von Johannes Reuchlins (1455–1522) 500. Todestag auf einer im Jahr 2022 an der Universität Tübingen vom Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften, dem Seminar für Religionswissenschaft und Judaistik / Institutum Judaicum sowie dem Philologischen Seminar veranstalteten Tagung gehalten wurden. Sie sind thematisch in drei Abteilungen gegliedert und betrachten so erstens Reuchlin in seinen europäischen und württembergischen Kontexten, zweitens seine Tätigkeit als Jurist und Philologe und drittens seine religionstheologische Sichtweise auf Judentum und Islam.

In den vier Beiträgen der ersten Abteilung, die mit „Reuchlin unterwegs“ überschrieben ist, stehen Reuchlins Bildungsweg und seine Tätigkeit am Hof Herzog Eberhards im Bart (1445–1496) sowie die damit verbundenen diplomatischen Reisen und Kontakte im Zentrum. Wolfgang Mährle zeigt, dass Reuchlins Bildungsweg über seine eigentliche Studienzeit weit hinausging und dass insbesondere seine in diplomatischem Auftrag erfolgten Romreisen in den Jahren 1482, 1490 und 1498 für den Erwerb seiner Hebräischkenntnisse von entscheidender Bedeutung waren. Diese internationalen Verbindungen und das Erlernen der Alten Sprachen waren es auch, die maßgeblich dazu beitrugen, dass sich Reuchlin selbst eher der Gelehrtenwelt als seiner unmittelbareren Umgebung in Schwaben, der Universität Tübingen oder seiner Geburtsstadt Pforzheim zugehörig fühlte, wie der Beitrag von Tjark Wegner darstellt. Dass Reuchlin nicht nur in diplomatischem Auftrag reiste, sondern auch im Umland von Stuttgart und dem Schwarzwald zur Rekonvaleszenz weilte und diese Aufenthalte für inspirierende Gespräche und poetische Betätigung nutzte, zeigen Erwin Frauenknecht und Peter Rückert. In dem letzten Beitrag dieser ersten Abteilung beschäftigt sich Matthias Morgenstern mit Reuchlins Einfluss auf die christliche Hebraistik im Frankreich des 16. Jahrhunderts, der nicht in besonderem Maße in seinen philologischen Veröffentlichungen begründet sei, sondern vielmehr auf seiner Schrift De arte cabbalistica (1517) beruhe und auf deren Verbreitung durch Dritte zurückzuführen sei.

Die zweite Abteilung betrachtet Reuchlin in fünf Beiträgen als „Jurist und Philologen“. Aus rechtshistorischer Perspektive zeichnet Jan Schröder Reuchlins juristisch-advokatische Argumentation in seinem Augenspiegel (1511) nach und kommt zu dem Schluss, dass dieser, wenngleich als Jurist angefragt, seine Darstellung darin eher als Hebraist, Religionsphilosoph und Bibliophiler begründe, um die avisierte Verbrennung jüdischen Schriftguts zu verurteilen. In den Beiträgen von Jürgen Leonhardt zu Reuchlins Lateinkenntnissen und Stefan Rhein zu dessen Bedeutung für die deutsche Gräzistik wird ein Themenfeld adressiert, das wohl primär und gemeinhin mit diesem in Verbindung gebracht wird. Ersterer zeigt, dass sich Reuchlin aufgrund seiner grammatikalischen Kenntnisse des Lateinischen, seiner verständlichen und geschulten Aussprache, seiner Beherrschung des klassischen Lateins sowie seines Wissens um die Kommunikationsgepflogenheiten seiner Zeit besonders für die diplomatischen Gesandtschaften nach Rom empfohlen und geeignet habe. Zweiterer stellt heraus, dass Reuchlins Bedeutsamkeit für die deutsche Gräzistik demgegenüber zwar nicht zu unterschätzen, aber keinesfalls als so überragend anzunehmen sei, wie es in mancher Forschungsliteratur getan werde und es das von Philipp Melanchthon (1497–1560) kreierte Reuchlinbild suggeriere. Das Verhältnis von Melanchthon zu Reuchlin untersucht Matthias Dall’Asta und blickt damit auch ein wenig über Reuchlins Lebenszeit hinaus, wenn er Melanchthons allmählichen Bruch mit ihm entlang der Linie von Philosemitismus und dem von Luther vertretenen Antijudaismus, den sich auch Melanchthon zunehmend zu eigen gemacht habe, aufzeigt. Das didaktische Anliegen Reuchlins, das in dem Schüler-Lehrer-Verhältnis zu Melanchthon konkreten Ausdruck fand, betrachtet Gilbert Dahan anhand von dessen Kommentar zu den Bußpsalmen aus dem Jahr 1512. Dieser erweise sich durch seine sorgfältigen Worterklärungen eher als Ergänzung und praktische Anwendung seiner hebräischen Grammatik, De rudimentis hebraicis (1506), denn als exegetischer Beitrag, wenngleich er in Klarheit und Präzision vielen vorhergehenden Werken zur hebräischen Grammatik deutlich überlegen sei.

In der dritten und letzten Abteilung sind fünf Beiträge zusammengestellt, die „Reuchlin als Religionstheologen“ in den Blick nehmen. Hinsichtlich des Judentums betrachtet Reimund Leicht Reuchlin als Leser hebräischer Bücher, die er sich vornehmlich im Selbststudium erarbeitet habe und seine anfängliche Instruktion zunächst aus Kreisen außerhalb des recht abgeschlossenen jüdischen Milieus empfangen habe, bevor ihm der sogenannte „Judenbücherstreit“ (1509–1520) direkte Kontakte zu jüdischer Gelehrsamkeit und jüdischen Maskilim verschaffte. Frühe Berührungspunkte mit dem Hebräischen wurden Reuchlin durch seine Begegnung mit Giovanni Pico della Mirandola (1463–1494) vermittelt, dessen Darstellung durch Reuchlin Saverio Campanini untersucht und zugleich Reuchlins Bezeichnung als „alter Picus“ in dieses Beziehungsgeflecht einordnet. Daneben untersuchen in den beiden weiteren Beiträgen zum Verhältnis Reuchlins zum Judentum Gerold Necker dessen Verständnis der Kabbala und Matthias Morgenstern (in seinem zweiten Beitrag in dem Band) dessen Kenntnis des Talmud. Der letzte Beitrag dieser Abteilung von Wolfgang Polleichtner eruiert anhand verschiedenster Publikationen Reuchlins dessen Sichtweise auf den Islam. Insgesamt ergibt sich ein recht vielschichtiges Bild von Reuchlins Islamkenntnis, das als weniger pejorativ als das seiner Gegenwart einzuschätzen sei. Dabei scheint er vor allem an den Gemeinsamkeiten der drei abrahamitischen Religionen interessiert gewesen zu sein, wenngleich er auch abwertende Stereotype gegenüber den Anhängenden des Islam kannte sowie literarisch reproduzieren konnte und ein Bewusstsein für die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Christentum und Islam seiner Zeit hatte, diese aber nicht mit seinen religiösen Interessen vermischt habe.

Der Band vermittelt ein vielfältiges Bild von Johannes Reuchlin sowie seiner Eingebundenheit in sehr diverse Kontexte, die sich aus seinen beruflichen Stellungen, aber auch persönlichen Interessen ergaben. Die drei Abteilungen, denen die einzelnen Beiträge zugeordnet sind, zeigen dabei die Kernaspekte auf, die Reuchlins Tätigkeit auszeichneten, lassen aber auch Querverbindungen deutlich werden. So lässt sich durchgängig sein übergeordnetes Interesse am Judentum und der hebräischen Sprache als sein Lebensthema erkennen, das in nahezu allen Facetten seines Tuns präsent war und blieb. Sehr deutlich werden in dieser Hinsicht Reuchlins Verdienste um die Verbreitung hebraistischer Kenntnisse im deutschsprachigen Raum – sowohl in philologischer als auch in inhaltlicher Auseinandersetzung – und die Bedeutsamkeit einzelner persönlicher Kontakte, die dauerhafte Haltungen entstehen, Interessen wecken und Kenntnis vermitteln konnten, wie Reuchlin selbst in Hinblick auf das Hebräische erfuhr.

Gerade diese Qualität persönlicher Beziehungen hätte es wünschenswert erscheinen lassen, die Auseinandersetzung mit Reuchlin über dessen Lebensende hinaus noch breiter auszuweiten, wenngleich die Beiträge zu Melanchthon sowie seine Rezeption im Frankreich des 16. Jahrhunderts dies punktuell tun. Daran schlössen sich dann Fragen nach Reuchlins Nah- und Fernwirkung angesichts des Aufkommens der Reformation an: Marginalisierte diese sein europaweites Kontaktnetzwerk? Ließ diese den von ihm vertretenen und beförderten Philosemitismus nicht mehr als opportun erscheinen, wie das Beispiel Melanchthons nahelegt? Oder erhielt diese demgegenüber aus den hebraistischen Kreisen fortwirkende Impulse mit Blick auf die Übersetzung des Alten Testaments ins Deutsche oder auch (in aus heutiger Perspektive abzulehnender Richtung) hinsichtlich der Präfiguration Christi im Talmud, die Morgenstern in seinem zweiten Beitrag für Reuchlin konstatierte? So ist ein Beitrag aus einer theologischen Perspektive auf Reuchlins Verständnis des Christentums oder seine Sichtweise auf dasselbe durchaus zu vermissen, das nicht nur in der anhebenden Reformation eine grundsätzliche Umgestaltung erfuhr, sondern auch eine seine eigene Gegenwart durchdringende Grundkonstante war. Zu monieren ist zuletzt, dafür aber umso nachdrücklicher, dass an dem Band nur männliche Beitragende beteiligt sind. Zudem ist auf kleinere Uneinheitlichkeiten bei der Schreibung mancher Namen hinzuweisen, die sicher aus den Gepflogenheiten des 15./16. Jahrhunderts resultieren, für die Veröffentlichung aber hätten geglättet werden sollen, sowie die Tatsache, dass es sich bei zwei Beiträgen um Wiederabdrucke von Publikationen aus den Jahren 2018 und 2023 handelt. Ergänzt wird der Band durch ein Personen- und Ortsregister sowie fünfzehn farbige Abbildungen.