Die Beschäftigung mit der sog. Neuen Rechten hat Konjunktur. Das lässt sich sowohl an der Vielzahl einschlägiger Publikationen auf dem (wissenschaftlichen) Buchmarkt ablesen als auch an diversen Porträts von zentralen rechtspopulistischen und rechtsextremen Vordenkern in der Presse (zuletzt vor allem in der ZEIT). In dem von Jens-Christian Wagner und Sybille Steinbacher herausgegebenen Sammelband Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland. Formen, Felder, Ideologie beleuchten Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen und Perspektiven in acht Fallstudien die Umdeutung, Vereinnahmung und Leugnung von historischen Ereignissen durch rechtsextreme Denker – tatsächlich werden ausschließlich Männer näher in den Blick genommen – und Gruppen. Den einzelnen Aufsätzen vorangestellt sind eine knappe Einleitung des Herausgeber-Duos, die die unbestreitbare Aktualität des Bandes betont, und ein kenntnisreicher Überblick von Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, zur Entwicklung des rechten Geschichtsrevisionismus in Deutschland. Wagner weist darauf hin, dass viele der heute kursierenden geschichtsrevisionistischen Legenden ihren Ursprung bereits in der NS-Zeit haben, und problematisiert auch den Begriff des Geschichtsrevisionismus selbst. Für die Verbreitung von geschichtsrelativierenden und -umdeutenden Mythen herrschten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die sich überwiegend als Opfergemeinschaft verstand, günstige Bedingungen, denn sie erwiesen sich als überaus anschlussfähig an die allgemeine Grundstimmung. Wagner zeichnet in seinem Beitrag in der Folge die Hochphase der Holocaust-Leugnung von den 1970er bis in die frühen 1990er Jahre in der Bundesrepublik nach. Anschließend geht er auf die Nachwirkungen der DDR-Geschichtspolitik ein, die Narrative und Motive bereitstellte, die bis in die Gegenwart hinein von Rechtsextremen adaptiert werden (z.B. die antiwestliche und antiliberale Haltung des SED-Staats). Die Corona-Proteste hätten schließlich als Verstärker des Geschichtsrevisionismus gewirkt, sodass aktuell – so das ernüchternde Fazit Wagners – eine erschreckend schnelle Erosion des einstigen Bewusstseins, wonach die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen grundlegend für die demokratische Selbstverständigung in Deutschland ist, auch in der Mitte der Gesellschaft festzustellen sei.
Wie während der Corona-Pandemie ihre Leugnerinnen und Leugner, die sehr unterschiedlichen politischen Milieus entstammten, „durch ein Crowdsourcing von Krisennarrativen“ (S. 43) zusammenwirkten, erörtert der Sozialwissenschaftler Fabian Virchow in seinem Aufsatz Covid-19 und die Folgen. Drei Formen des Geschichtsrevisionismus im Milieu der Pandemieleugnung. Dabei konzentriert sich Virchow insbesondere auf Verschwörungserzählungen als einer „grundlegende[n] Form der Vergesellschaftung“ (ebd.) und arbeitet die ihnen zugrundeliegenden Motive instruktiv heraus. Dabei kann er nachweisen, dass nachgerade antisemitische Codes und Denkfiguren in diesem Milieu florieren und immer neu aktualisiert werden.
Imanuel Baumann plädiert in seinem konzisen Abriss Rechtsterrorismus als gewaltförmiger Geschichtsrevisionismus. Motive und Traditionen der Zerstörung von Geschichte und Gedenken im Kontext rechter Gewalt dafür, den Beginn der Geschichte des Rechtsterrorismus bereits auf die Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu datieren und nicht – wie bislang üblich – auf die Phase ab 1945. Baumann kann überzeugend darlegen, dass die rechtsterroristische Weltsicht von Anfang an durch „eine Anzahl persistenter Merkmale gekennzeichnet“ (S. 55) war. In seine Analyse bezieht sich der Historiker explizit auf Zygmunt Baumans Konzept der „Dialektik der Moderne“ und grenzt sich gleichzeitig von anderen Ansätzen (etwa denen von David Rapoport und Carolin Görzig) ab. Die Bekämpfung des Rechtsterrorismus versteht er als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, schließlich bringe der gewaltförmige Geschichtsrevisionismus den Staat selbst in Gefahr.
An diese Warnung und Mahnung schließt die Analyse von Volker Weiß mit dem Titel „Lasst uns Krieg führen!“ Die Kampagne der extremen Rechten gegen die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nahtlos an. Der Historiker und Publizist untersucht darin eine Grundsatzrede des rechtsextremen Ideologen und Netzwerkers Götz Kubitschek aus dem Jahr 2023, in der dieser konstatiert hatte: „In Deutschland tobt ein geistiger Bürgerkrieg. Es geht um die Vorherrschaft auf medialem, sprach- und geschichtspolitischem Feld […]. Lasst uns Krieg führen!“ (zit. n. Weiß, S. 79). Weiß zeigt die Bezüge Kubitscheks zu Armin Mohler, dem Nestor des deutschen Geschichtsrevisionismus, auf und stellt zugleich heraus, dass sich die gesellschaftspolitischen Positionen der extremen Rechten über die Jahrzehnte hinweg kaum verändert haben. Es sind in aller Regel dieselben Stichwortgeber, auf die immer wieder rekurriert wird, wobei Mohler hierbei eine Schlüsselfunktion zukommt. Überhaupt werden Mohler und sein Einfluss in den meisten Beiträgen des Sammelbandes erwähnt, während der demokratieverächtende Geschichtsphilosoph Oswald Spengler vergleichsweise wenig Beachtung findet.
Besonders intensiv mit Armin Mohler und seiner Rezeption durch die AfD beschäftigt sich Markus Linden. In seinem Beitrag Der Geschichtsrevisionismus der AfD. Akteure, Organe, Inhalte zeichnet der Politikwissenschaftler die Radikalisierung des Schweizer Publizisten nach und zeigt dabei, wie dessen Tabubrüche – so etwa die Gleichsetzung von DDR und liberaler Demokratie – heute weit verbreitet sind und von der AfD politisch instrumentalisiert werden. Dabei nutzen neue Medienformate wie der „Deutschland-Kurier“ geschichtsrevisionistische Motive wie z.B. das Diktatur-Narrativ (BRD als Fortsetzung der DDR-Diktatur), um ein breites Publikum anzusprechen und die Grenzen zwischen Konservatismus, neurechter Ideologie und rechtsextremer Hetze zu verwischen.
Die anschließende Studie von Maik Fielitz und Hendrik Bitzmann untersucht neben dem „Deutschland-Kurier“ noch vier weitere rechte Alternativmedien (Compact, Journalistenwatch, PI-News, Philosophia Perennis) hinsichtlich der Frage, ob und in welchem Umfang darin geschichtsrevisionistische Inhalte im Zeitraum von Januar 2021 bis September 2023 publiziert wurden. Dafür haben sich die beiden Wissenschaftler auf vier Topoi (Kaiserreich, Nationalsozialismus, DDR und Kolonialismus) konzentriert und diese mithilfe von thematischen Schlagwörtern, die im Anhang des Beitrags sehr transparent dargelegt sind, innerhalb der Textkorpora maschinell identifiziert. Im Ergebnis enthielten nur (erstaunliche) 0,7 % der Texte mindestens einen Marker für geschichtsrevisionistische Inhalte, was ihren niedrigen Stellenwert in diesem Feld belegt. Allerdings differiert die Menge geschichtsrevisionistischer Texte zwischen den fünf untersuchten Medien deutlich. Fielitz und Bitzmann weisen auf markante Unterschiede hin und weisen auch die Konjunkturen bestimmter Themen statistisch nach.
Als passende Ergänzung widmet sich Justus H. Ulbricht dem Thema Ressentiment-Medien, „Metapolitik“ und die Eroberung der Köpfe via Lektüre. Blicke nach Schnellroda und in andere Verlage der „Neuen Rechten“. Zunächst bietet er einen informativen Blick über rechtsextreme Verlage und Organe seit den 1950er Jahren, wobei er zurecht darauf verweist, dass die Ermittlung konkreter Auflagenhöhen und Verkaufszahlen in diesem Bereich mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist. Somit kann die ohnehin diffizile Frage nach der Reichweite und Wirkung dieser Publikationen weiterhin nur näherungsweise beantwortet werden. Ulbricht nennt in seiner kenntnisreichen Untersuchung eine Fülle an Namen und Werken, die insgesamt jedoch weniger einen analytischen als eher additiven Einblick in die neurechte Verlags- und Publikationsszene gewähren.
Bereits Ende der 1940er Jahre wurde in Deutschland die Forderung nach einem Schlussstrich unter die Bewältigung der NS-Vergangenheit laut, die FDP zog 1949 mit dem Slogan „Schluss mit Entnazifizierung, Entrechtung, Entmündigung“ in den Bundestagswahlkampf. Maik Tändler verfolgt in seinem Aufsatz „Nationalmasochismus“ und „jüdisches Privileg“. Zur alt- und neurechten Abwehr der Vergangenheitsbewältigung und ihrer postkolonialen Anverwandlung nach, wie rechtsextreme Autoren die Verharmlosung und später dann Negierung des Holocaust seit den frühen 1950er Jahren betrieben, u.a. indem sie immer wieder Zweifel an der Authentizität von Beweisorten, -bildern und -dokumenten streuten. Tändler argumentiert zudem, dass entgegen der weitverbreiteten Ansicht das Jahr und Ereignis 1968 keinen Wendepunkt hin zu einer entschiedeneren Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland darstellt, sondern vielmehr ein Abflauen der Debatte markiert, nicht zuletzt, weil die Shoah in diversen antikapitalistischen Faschismustheorien auf ein Epiphänomen des Imperialismus reduziert wurde. Auch die mancherorts als „Historikerstreit 2.0“ titulierte Auseinandersetzung um das Verhältnis von Kolonialismus und Rassismus zu Nationalsozialismus und Antisemitismus greift Tändler auf. Hierbei macht er auf argumentative Parallelen zwischen neurechten Geschichtsrevisionisten und Dirk A. Mosesʼ Ausführungen aufmerksam (bspw. in Bezug auf die Zitation von Otto Ohlendorf, der als SS-Gruppenführer für die Ermordung von 90.000 Menschen verantwortlich war).
Den Abschluss des Bandes bildet Sophie Schönbergers Beitrag Geschichtsrevisionismus als Rechtsrevisionismus. Die historischen und juristischen Imaginationen der Reichsbürgerwelt. Die Juristin ordnet die Größe der Reichsbürgerszene zunächst im Vergleich zu anderen extremistischen Gruppen ein und betont die geringe Überschneidung zwischen Rechtsextremismus und Reichsbürgermilieu. Des Weiteren beschreibt Schönberger luzide die Wurzeln, ideologischen Versatzstücke und typischen Handlungsformen des Reichsbürgermilieus, das auch insofern eine Bedrohung des Rechtsstaats darstelle, als seine Akteure ungewollt offenlegten, „wie sehr das Recht jenseits seiner Zwangsdurchsetzung ein im höchsten Maß imaginiertes Projekt ist“ (S. 193). Daher bedürfe der „fragile Kern der Verfassung“ sowohl „des Schutzes durch eine positive Version des Gemeinwesens“ als auch die „alltägliche Erfahrbarkeit des demokratischen Versprechens“ (S. 194).
Dem gut lektorierten Sammelband gelingt es insgesamt, das Phänomen des rechten Geschichtsrevisionismus perspektivenreich auszuleuchten. Nur vereinzelt finden sich allerdings Hinweise auf die Genese des Geschichtsrevisionismus in der DDR. Hierzu wäre ein eigener Beitrag wünschenswert gewesen. Auch lässt sich eine gewisse begriffliche Unschärfe bei der Einordnung von Akteuren und Denkweisen beobachten, die verschiedentlich als rechtsextrem, rechtsradikal, rechtskonservativ, nationalkonservativ, rechtspopulistisch etc. bezeichnet werden. Dessen ungeachtet bietet das Buch einen fundierten, aber selbstverständlich keineswegs lückenlosen Überblick zu einem Forschungsgebiet, dessen Relevanz aller Voraussicht nach eher wachsen als schrumpfen wird.


