Astrid Ackermanns Studie zu Bernhard von Sachsen-Weimar (1604–1639) ist die überarbeitete und gekürzte Fassung ihrer Jenaer Habilitationsschrift aus dem Jahr 2017. Die Studie behandelt das Leben und Nachleben Herzogs Bernhards. Bernhard erfuhr im ernestinischen und lutherischen Milieu des Weimarer Hofes nicht zuletzt auch im anti-kaiserlichen Sinne seine Grundorientierung; mit dem Fortschreiten seiner Laufbahn als Feldherr wuchs jedoch im Takt der zunehmenden geographischen Distanz zum Wirkungskreis seiner noch lebenden Brüder in Weimar auch die politische Distanz: Der Frieden von Prag (1635) markiert hierfür die deutlichste Trennlinie. Im Sinne einer dynastischen „Risikostreuung“ (S. 127) war vor allem Wilhelm von Sachsen-Weimar nicht bereit, so weit zu gehen wie sein jüngster Bruder Bernhard. Herzog Bernhard löste sich jedoch keineswegs vom Heiligen Römischen Reich als Erwartungshorizont – wie Ackermann herausarbeitet: Er blieb der Exponent eines altfürstlichen, der Kurwürde beraubten Hauses und er sah seine Zukunft in der sich kriegsbedingt wandelnden Territorienwelt des Reiches (vgl. S. 264–267, 365–368). Letztlich aber konstatiert Astrid Ackermann hier das Scheitern Bernhards, dem es weder in Franken noch im Elsass gelang, eine Landesherrschaft zu verstetigen oder gar dynastisch zu sichern.
Der von Astrid Ackermann gewählte Zugriff auf Herzog Bernhard und die ihm zuarbeitenden Akteure ist nicht jener einer ereignisgeschichtlichen Darstellung, sondern eine analytische Erörterung mit besonderer Berücksichtigung des veröffentlichten Bildes, des medialen Images. Im Fokus dieses Bandes stehen in erster Linie die großen Fluchtpunkte der militärischen und politischen Karriere Herzog Bernhards: seine Rolle als ‚Nachfolger‘ König Gustav Adolfs von Schweden nach dessen Tod in der Schlacht von Lützen (1632), die Niederlage in der Schlacht bei Nördlingen (1634), der Wechsel in den französischen Dienst durch die Verträge von St-Germain-en-Laye (1635) und die Eroberung von Breisach (1638). Ackermann analysiert die Spiegelungen dieser Ereignisse in der zeitgenössischen – vor allem in der französischen – Publizistik. Die kleineren militärischen Entscheidungen unterwegs und die einzelnen politischen Winkelzüge zwischen den Höhepunkten scheinen dagegen kaum auf. Der Schwerpunkt liegt dezidiert auf dem Zeitraum Mitte und Ende der 1630er Jahre, folglich auf dem letzten Lebensfünftel der fokalen Figur. Es ist die Funktion Bernhards als Mitgestalter des Dreißigjährigen Krieges, welche in dieser Studie im Vordergrund steht, nicht sein Weg dorthin in den 1620er Jahren. Die Studie ist grundsätzlich chronologisch gegliedert, wobei sich allerdings zwei Kapitel (Kapitel 8 und 11) von diesem Ordnungsschema lösen. Die dynastisch-politischen Bündnisoptionen Bernhards, die sich zwischen Anbindung an den französischen Hochadel, namentlich an das Haus Rohan, und der pfälzisch-englischen Option bewegten, und die logistische Organisation der Kriegsanstrengungen im Oberrheinraum werden gesondert in den Blick genommen. Die Akteure der zweiten und der dritten Reihe aus dem nahen Umfeld Herzog Bernhards – etwa Tobias von Ponickau, Hans Ludwig von Erlach, Joachim von Wicquefort und Marx Conrad von Rehlingen – werden in ihrer Bedeutung für das politische, ökonomische und militärische Handeln Bernhards vorgestellt. Bernhard wird als Kriegsunternehmer begriffen, der auf ein weitgespanntes Netz fähiger Mitarbeiter mit je eigenen Beziehungsnetzen und Kompetenzen zurückgreifen konnte – und dies war eine wesentliche Voraussetzung, um das Kriegsgeschäft als nicht von einem Staate getragener Großakteur erfolgreich betreiben zu können.
Ackermanns auf ausgiebigen Archivrecherchen und eine breite Literaturbasis gestützte Studie nimmt auch das Tauziehen zwischen der Krone Frankreich, dem Kurprätendenten von der Pfalz und anderen Konkurrenten um die Nachfolge im Oberbefehl über die weimarische Armee in den Blick. Die posthume Einbettung Bernhards in das ernestinische Narrativ begreift Ackermann als die Reintegration eines des sachsen-weimarischen Brüderverbandes entwachsenen Akteurs in einen dynastischen Deutungszusammenhang. Schlüsselmoment hierfür ist die untersuchte Überführung des Leichnams Bernhards von Breisach nach Weimar im Jahr 1655. Die Auseinandersetzung mit der Figur des Herzogs im späten 18. und im 19. Jahrhundert zu Beginn des Bandes und die Behandlung der ‚Bernhard-Renaissance‘ um 1800 zum Ende desselben bilden gleichsam einen ineinander gefügten Rahmen, der sich um die Studie schließt. Ein Personenregister beschließt den äußerst gelungenen Band, dem eine interessierte Leserschaft zu wünschen ist.


