Eine solche Unterbreitung des, wie es heißt, „nicht leicht zu fassend[en]“ (S. 35) Beziehungsgefüges von Gattung und Gesellschaft ist geeignet, regelrecht ein Nest von mehreren Triggern aufzuscheuchen. Schon dass die beiden Bereiche als auch je eigene Pole gefasst werden, muss auf die Bewertungen der hier getätigten Aussagen durchschlagen, die Rezeption polarisieren. Die im Untertitel beschworene Unentrinnbarkeit von Spannung, wird, sowohl in der Argumentationsabfolge wie im Kalkül, mit welchen Einwänden und Protesten man aufgrund der Positionen im Vortrag rechnen sollte, bestätigend eingelöst.
Wenn für Leser:innen manche Aussagen Empörung hervorrufen, so deshalb, weil Hansert dem Wildwuchs verbreiteter Ansichten, bemühter Bestrebungen mit der Bodenhaftung nüchterner (naturwissenschaftlicher) Tatsachen begegnet. Dabei geht es ihr, wie in der wohlweislich ‚vorgezogenen‘ Zusammenfassung vermerkt und an sich ohne Polemik grundsätzlich um „Aszendenz (d.i. die Abstammungsverwandtschaft), Geschlecht und Tod“, mit dem „Oberbegriff der ‚generativen Universalien‘“ (S. 8).
Ihrer Erfahrung nach evoziert dies für sie einen Gegenwind, ist doch für die „Aszendentenproblematik“ durch die „modernen, stark individualistisch geprägten Lebensformen“ „das Verständnis und Sensorium weitgehend verloren gegangen“, zudem spielt sie „in der soziologischen Fachdiskussion im Allgemeinen keine Rolle“ (S. 41). Das Strittige also entfacht die von Hansert gewählte Materie, während sie selbst dabei, gar nicht paradox, durch Sachlichkeit beruhigen, beschwichtigen will. Ihre Feststellungen sind zwar ‚handfest‘, ihre persönlichen Urteile zurückhaltend, gar bescheiden.
Überhaupt bewegt sich Hansert in einem wustartigen Gelände, einem „Gewimmel“, wo Alterskohorten, Generationen „erneuert, verwandelt, anders zusammengesetzt [werden] als je zuvor“ (S. 174). Ihr Aufbau bietet demgegenüber Überschaubarkeit, indem sie in vier Kapiteln Oppositionspaare (keine Antinomien!) diskutiert: Aszendenz-Deszendenz; Sosein-Anderssein; Sosein-Rollenhandeln; Vielfalt - Nicht-Gleichheit. Zum Faktum: ‚Tod‘ äußert sie sich programmatisch „mit aller Vorsicht, ohne in positive Religion abzugleiten“ (S. 229). Dabei hinterlässt die Autorin den Eindruck, keinen Aspekt außer Acht zu lassen: selbst „Gezeugte, denen die Nidation nicht gelingt“ (S. 172), spielen mit. Die Bibliografie weist die Autorin besonders als Spezialistin von Genealogien und Dynastien aus.
Welche Ausführungen sind es, die stark provozieren können? Schon, dass Hansert den Umstand der „dreifachen Räumlichkeit – zeitlich-historisch, kulturräumlich, verwandtschaftlich“ zu bedenken gibt, in die „das einzelne Individuum also ‚zur Welt‘ [kommt]“ (S. 19). Daraus folgt, man beachte dabei die für manche anstößige Wortwahl: „Wir können als Menschen aus der Sphäre der Gattung nicht auswandern und gänzlich in die Sphäre der Gesellschaft migrieren, die naturgegebenen Asymmetrien hinter uns lassen und uns nur in der gesellschaftlichen Egalität einrichten. Zukunft (im Sinne von Deszendenz) wird im Nicht-Gleichen generiert.“ (S. 228) Durchwegs plädiert sie für das erbbiologisch Gegebene, ausgespielt gegen das unter seiner Zuhilfenahme manipulativ Machbare. Ihr Argument: Die „Grundlage einer Gesellschaft von morgen“ entwickelt sich hauptsächlich, „wo Sperma und Ovum in großer Zahl zusammenkommen; das „können Männer und Frauen in Spontanität ungleich effektiver leisten als es durch die Methoden der künstlichen Befruchtung möglich ist“ (S. 227)
Konfrontativ ist sie gegenüber soziologischen Theorien, die Menschen bevorzugt in der Gesellschaft als ‚darin aufgehend‘ betrachten; besonders jene, welche ‚Zygote‘ und ‚Embryo‘ als „bloßen Zellhaufen“ erachten. Für sie ist es die falsche Sicht einer ‚Tabula rasa‘ am Anfang der Menschen (S. 75). Konsequent setzt Hansert Biologie und Soziales in die je verteilten, sehr wohl geteilten ‚Rechte‘: etwa ist „[d]as Kind schon in seinem Anfang so, oder es ist nicht. Und so ist es, […], nicht von Natur aus, sondern aufgrund der (sozialen) Aktivität der Eltern. Die Zygote ist daher nicht allein ein biologisches Substrat, sie ist Keimling gewordene Aszendentenstelle, und sie ist (dies von Natur aus) bereits geschlechtlich konnotiert.“ (kursiv im Org.; S. 74). Folglich: „Geschlechtswechsel sind beim Menschen bis zu einem bestimmten Grad möglich – nicht aber bei der Fortpflanzung.“ (S. 75). Man darf ahnen, in welche ideologische Kategorie die Autorin für manche reflexartig bei einem Satz fällt, wie: „die Geschlechterpolarität [ist] von Anfang an angelegt“ (S. 76). Für althergebracht gehalten, zumindest als unangenehm verspürt können auch ihre einer Empfehlung gleichkommende Feststellung genommen werden, das Kind – wesentlich – „durch sexuelle Zeugung in der Intimität und Spontanität des Liebesakts hervor[bringen]“ zu lassen, alsdann als „‚ein Geschenk‘, ggf. auch ein Danergeschenk“ (S. 224) zu betrachten.
Dabei konstatiert sie ohne Wenn und Aber die heutige Reklamation der „‘Vielfalt des Eindeutigen‘ im Leben des Individuums“ (S. 219), das Bedürfnis, unentschieden, ununterscheidbar bezüglich des sozialen Geschlechts sein zu wollen. Dies umso mehr, als die vormalige Person namens Andreas Hansert selbst von einer sich modernisierenden ‚Gesellschaft‘ profitiert (hat), welche „dem innenbestimmten Ich dabei hilft, biographisch retrospektiv einen Primat gegenüber jenen frühen Fremdfestlegungen zu beanspruchen“ (S. 220). Die „bloße Willensbildung der Person, sie wolle dem anderen Geschlecht zugehören“, wurde auch in ihrem biographischen Fall zur „Änderung des Personenstands“ als offiziell „ausreichend“ (S. 221) befunden. Unterschiedslos können für sie Kinder „Wärme, Zuneigung und Aufmerksamkeit“ in „Regenbogenfamilien“ und „intakten Familien mit heterosexuellen Elternpaaren“ [erfahren]“, solange bei Kindern in Ersteren (bei Samenspendung, Eizellspendung, Leihmutterschaft) dafür Sorge getragen wird, dass diese „die eigene Apriori-Individualität ins Selbstbild“, in die “Wahrnehmung [ihrer] selbst irgendwie unterzubringen“ vermögen (S. 225).
Mit ihrer hartnäckigen Referenz auf die „mit der Aszendenz gegebene[n] Körperlichkeit“ (S. 49), erteilt Hansert auch „Visionen des Mind Uploadings“ eine Absage. Irrig würde da vermeint werden, das zur Konstituierung des Ichs unabdingliche „subjektive biographische Erleben des Körpers, sprich [die] gezeugte, sich entwickelnde und endliche Leiblichkeit“, abschütteln zu können (S. 248). In ihrem thematischen Panorama bleibt sie im Urteil stets ausgewogen. So auch gegenüber dem „philosophischen Antinatalismus“, den sie als „weise zum einen- aber auch bisschen feige“ bezeichnet (S. 232). Ablehnung zu erfahren mit der hier eigensinnig, obstinat vorgebrachten Hauptsache, dafür brauchte sie keine Vorahnungen, war doch „die Förderung zur Deckung der anfallenden Druckkosten durch die etablierten Zuschussgeber nicht möglich“ (S. 4). Zur Veröffentlichung des Bandes wurde das Erbe der Mutter eingesetzt.
Die Ambition der Autorin, weil human(istisch) besehen universal, wird unausbleiblich persönlich genommen. Und übergroß an Dimension mag manchen das erscheinen, dessen Gravität sie wieder ins Bewusstsein bringen möchte. Hansert strapaziert einen für sie folgenschweren Mangel, und zwar derart, wie er in dem Satz auf dem titelseitigen Booklet einer Musik-CD bedeutungsvoll umrissen wäre: ‚The Essential Is No Longer Visible‘ (ECM 1650, 1997).


