Ausgehend davon, dass es wohl darin keinen „finalen, statischen Zustand“ (S. 33) gibt, dient der hier in äußersten Grundlinien, sehr knapp gebotene historische Heraufzug der „Entwicklung moralischer Erkenntnis“ (S. 8) dazu, die diesbezügliche aktuelle Bedarfslage besser einschätzen zu können, wo heute „doch irgendeine Entwicklung zweifellos gebraucht wird“ (S. 109). Damit ist auch schon die bei der Moralentwicklung unabdingliche, einem Gesetz gleichende Relevanz eines fortlaufenden Aktualisierungsbedarfs zum Überdenken dessen, was in der jeweiligen Zeitphase als gültig anerkannt wird, ausgesprochen.
Der schmale Band ist aus zwei Aufsätzen, mit Überlegungen aus den Jahren 2015-2021, hervorgegangen; die Eignung zum Vortrag zeigt sich im rhetorischen Stil. Mag für den langjährigen Routinier der Moralphilosophie die gedankliche Gliederung einer Fingerübung gleichkommen, so fordert die Ermittlung der argumentationslogischen Ordnung des Gehalts der Leserschaft schon einiges an Konzentration ab. Mit anderen Worten: nur der Titel kommt als ‚leicht aufzufassen‘ daher.
Außer den schon erwähnten Grundsatz des Aktualisierungsbedarfs, der gleichsam Nagels Beitrag überwölbt und legitimiert, wären beispielsweise noch drei weitere wesentliche Komponenten des hier entfalteten Gehalts zu nennen: 1. die Entwirrung alltagssprachlicher Bewertungsurteile; 2. zur Genealogie, Geschichtlichkeit der Moral; basisbildende Faktoren bei der moralischen Prozessentwicklung; 3. die Favorisierung persönlicher Moraltheorie; Eigenpositionen anhand von Beispielen.
Zu 1: Nagel legt (sich) fest: Während im öffentlichen Diskurs ‚Zustände‘ als ‚gut‘, ‚schlecht‘, ‚besser‘, ‚schlechter‘, und, in austauschender Beliebigkeit, ‚Handlungen‘ als ‚richtig‘ und ‚falsch‘ bezeichnet werden (vgl. S. 16), diskutiert der Autor hier, losgelöst von einem Dafürhalten, „moralische Aussagen“ die „wahr oder falsch sein können“. Allein die sind den „Wandel der moralischen Überzeugung folglich als objektiv richtig oder unrichtig“ (S. 41) zu präzisieren geeignet.
Zu 2: Nachwirkungen eines intuitiven, instinktsicheren Unterscheidens bei „unseren Vorfahren“ (S. 25) sowie heute ein- bis dreijährigen Kindern (vgl. S. 83), um effektiv friedlich zu koexistieren und zu kooperieren, werden würdigend erwähnt, haben jedoch den bloßen Gruppenverband zur Voraussetzung. Innerhalb dieser proto-moralischen Dispositionen ist man „nicht auf ein Wissen über langfristige Konsequenzen angewiesen“, und kann deshalb mehr „die Emotionen anstelle des sachlichen Denkens in Anspruch nehmen“ (S. 26).
Nachrückende, vielfach komplexe aufeinander folgende und ineinander rückende soziale Dispositive haben die kognitiven und motivationalen Fähigkeiten zu schärfen erfordert, somit einen „Grund für einen Wandel in der moralischen Einstellung“ abgegeben. Dieser Grund ist „an die Personen und die Zeit in der Moralgeschichte geknüpft, für die er bestimmt ist“. Dabei ist kardinal, „welche Überlegungen den Personen zu jener Zeit verfügbar oder zugänglich waren“ (S. 44).
Gleichsam als Prinzip des moralischen Prozessierens erscheint hier die ‚Pfadabhängigkeit‘: Ob das, was erkennbar wird „stets schon wahr gewesen ist; manchmal auch nicht“, muss, wie beim „Fortschritt naturwissenschaftliche[r] Erkenntnis“, „bereits bestimmte vorherige Stadien im moralischen Denken und Handeln durchlaufen“ haben (S. 50). Insofern gibt es das Nachrücken von erkennbaren Gründen, und daraus resultierende „neue Wahlmöglichkeiten, die sich durch neue nicht-normative Tatsachen auftun, oder infolge von moralischer Reflexion, die vorhandene moralische Einstellungen revidiert oder erweitert ‒, die man nicht viel früher hätte entdecken können […]“ (S. 49).
Sich unbedarft zu geben, unter Berufung auf eine schlichte Eigenposition, gilt demnach nicht: „Der Inhalt eines Grundes wird in jedem Fall nicht durch die Einstellung der Person festgelegt, sondern durch die Tatsachen, die jenen Grund für jemanden erzeugen, der fähig ist, ihn zu verstehen – Tatsachen hinsichtlich der Folgen seiner Handlungen für andere zum Beispiel.“ (S. 56) Die oben genannten motivationalen Fähigkeiten beinhalten also auch eine Empathie, etwas in seinen Folgen sich ausmalen, allenfalls mit technischer Hilfe errechnen zu können. Nagel sieht sich als ‚Realisten‘ (vgl. S. 55) und Empiristen, für den man „die relevanten nicht-normativen Tatsachen […] ohne die Erfahrung ihres Kontextes und ihrer Anwendungsgeschichte nicht [verstehen, gewichten und vergleichen]“ kann. (S. 96/97) Als Blockadefaktoren, die „Entdeckung von Wahrheiten“ nicht „anzuerkennen“, nennt er „Sturheit, Unaufrichtigkeit oder Selbsttäuschung“ (S. 108).
Zu 3: Es bleibt nicht aus, dass jede Bewertung (Moral) aus theoretischen Lagen heraus belebt wird, für die man plädiert, anderen gegenüber vorzieht. So auch hier: Nagel leugnet nicht den, vom Utilitarismus herrührenden „Reiz der konsequentialistischen Art, Menschen unparteilich zu bewerten“, wo alle Menschen in aufsummierter Weise „zu einem einzigen Meer der Nutzen und Nachteile verschmelzen“, „als Ganzes bewertet“ (S. 36/37) werden. Gibt jedoch dazu kritisch, ja bedauernd zu Bedenken, dass solcherart „die auf Individuen zentrierte deontologische Auffassung und die auf sie zurückgehenden Intuitionen nicht mehr als fundamentale moralische Leitlinien verwende[t] [werden] würden“. Dann nämlich „würde etwas verlorengehen“, hörte man auf „Individuen wertzuschätzen“, ergo: „komme was wolle - jeweils für sich anständig [zu] behandel[n]“ (S. 38/39).
In seinen Beispielen aktuellen moralischen Fortschritts auf vier Gebieten (vgl. S. 89) drückt er wohl eher aus wogegen er sich einsetzten möchte. Zum Punkt 4: ‚globale Gerechtigkeit und der Staat‘ konstatiert er „eine Obergrenze für die Ungleichartigkeit von Interessen, Werten, Sprachen und Kulturen, die in ein legitimes demokratisches Gemeinwesen eingebunden sein können“ (S. 109). Im Rahmen des Punkts 3: ‚sexuelle Normen und sozialer Status‘ sind ihm „ungewöhnlich repressive Anschauung[en]“ modisch am Werk, werden „Grenzen viel zu streng“ (S. 99) gezogen, dabei „Interaktionen verhinder[t], die gar nicht anstößig oder sogar willkommen sind“ (S. 100). Auffällig besorgt ist er um „Normen und Institutionen, die sexuelle Beziehungen, Sexualverhalten, Fortpflanzung und familiale Pflichten regeln“. „[A]lles andere als klar“ erscheint ihm generell, „[o]b eine stabile Einigung, die individuelle Autonomie, Statusgleichheit und kollektives Wohl respektiert, aus den verworrenen Gegenwartstendenzen auf sexuellem Gebiet hervorgehen kann.“ (S. 109).
Nagel prognostiziert nur allgemein, etwa dass „moralische Revolutionen“ „durchaus stattfinden“ werden“ (S. 110). Die historischen Beispiele des Bolschewismus und Nationalsozialismus, sehr wohl angetreten unter dem Banner moralischen Fortschritts, sind für ihn „schrecklich falsch“ (S. 34). In einer Fußnote vermerkt er, dass damals „die moralischen Wahrheiten, die nicht mehr akzeptiert w[u]rden, zugänglich [waren] und nicht aufgehört [haben] zu gelten, die sie ablehn[t]en“ (S. 51). Praktische Anwendungen seiner Theorie sind auch: Während zur Lebenszeit von Thomas Morus „die liberale Vorstellung von politischer Legitimität“ keine Voraussetzung für eine ‚Zugänglichkeit‘ bot (S. 72), sei, gemäß Nagel, zu allen Zeiten „die Sklaverei [als] etwas Widerwärtiges“ empfunden worden (S. 78).
„Vielleicht bin ich zu konservativ und die Menschheit wird sich viel radikaler entwickeln“ (S. 109/110), vermerkt der Autor zum Schluss. Nicht jedoch, was diese Umstürze hervortreiben könnte. Interkontinentale Massenmigration aus planetarischen Nöten heraus kommen hier nicht vor, unter konsequenter Beachtung des bei ihm wesentlichen Aspekts der ‚Zugänglichkeit‘. Wer dieses Vakuum in projizierender Weise gedanklich füllen möchte, bleibt, über diesen Rückgriff Nagels der bisherigen Moralentwicklung hinausgehend, allein.


