Im Volumen liegt das Schwergewicht dieses Werks auf der besonders optischen, numerischen und versprachlichten Unterbreitung eines zur weiteren auswertenden Behandlung harrenden Datenmaterials. Es greift jenes für den Gesamtstaat, damals ‚Kaisertum Österreich‘, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konzipiertes Projekt der „Superlative“ (S. 13) einer Bewertung zum Zweck der Verwertung auf, um es heute den völlig gewandelten, aktuellen Fragekomplexen zur Verfügung zu stellen. Mit editorischen Vorläufern für die Kronländer ‚Kärnten‘ und ‚Bukowina‘, ist es nun die „flächendeckende Erstellung eines einheitlichen Grundsteuerkatasters“ (S. 12) im Kronland ‚Österreichisch-Schlesien‘. Für den Herausgeber wird die Funktion des Katasterunternehmens „als zentralstaatliches Mittel der gerechten Steuereintreibung“ weit überstiegen; es gehört „zu jenen sichtbaren Leistungen der Habsburgermonarchie, deren Persistenz bis in die unmittelbare Gegenwart dieses Raumes anhält“ (S. 14).
Beinahe die Hälfte des Werks nehmen die veranschaulichenden (kolorierten) Reproduktionen von Steindrucken und Verbreitungskarten ein. Der Darstellungsteil beinhaltet eine Geschichte des Katasters (Verwaltung, Personal, Budget), Erläuterungen zu deren ‚Entzifferung‘, Listen, ein Glossar, eine Bibliografie zum Kronland und dessen Aufteilung auf die Neustaaten ČSR und Polen nach 1918; weiters Beiträge zu Schicksalen relevanter Archivbestände, eine sozialökonomische Skizze zum ‚Teschener Schlesien‘; zu den, kombiniert, ‚Deutschen‘ und ‚Juden‘, deren Siedlungsgebiete gleichermaßen verschwanden. Die Territorialübernahme durch das ‚Dritte Reich‘ bildet die Grenze der Befassung.
Schon von seiner Verursachung weg begleitete dieses Kronland Erscheinungen von Gegensätzen: als schmerzlicher Restbestand des an Preußen abzutretenden größeren, reicheren Schlesiens, mithin als Verlust, musste es erst zu einem Gewinn gemacht werden. Der Kaisermutter Maria Theresia wird diesbezüglich das Urteil zugeschrieben: „Den Garten hat er [= Friedrich II.] mir genommen, den Zaun hat er mir gelassen“ (zit. n. E. Schremmer (Hg.): Troppau. Berlin-Bonn 1984, S. 115). Sie erlebte die Aufblüte nicht mehr, welche auch durch den zeitgleichen Hinzugewinn des Kronlands ‚Galizien und Lodomerien‘ besonders befördert wurde. Eine gewisse Geringschätzung verlor diese Region nie gänzlich. Sollte sie doch gefälligst „möglichst großen Profit erwirtschaften“ (S. 45), den sie dann allmählich auch bot.
Der Kataster sollte die diesbezüglichen Potenziale der Wertschöpfung erfassen: in bunter Vielfältigkeit werden in diesem Werk die Hauptkulturgattungen sowie präzise Sozialdaten (etwa Bauparzellen, Besitzverhältnisse, Familien, Berufsstrukturen) sinnlich wie nüchtern zur Phantasiebelebung bei der Lektüre offeriert. Derartige Katastralmappen konnten „nur [kursiv im Org.] im Einvernehmen der betroffenen Parteien als Ergebnis eines Aushandlungsprozesses gesetzt werden“ (K. Scharr: Der Franziszeische Kataster …; in: ÖGL, 62. Jg. 2018; S. 127). Weitere statistische Daten, Kartographien samt Erläuterungen zur Entwicklung bis 1938/39 verdeutlichen, dass die Praxis genannter Aushandlungsprozesse auf vielen soziokulturellen Gebieten mit 1918 abrupt eine gravierende Zäsur erfuhr.
Zuvor waren Konsensbildungen angeraten, da im Kronland Divergierendes, Differentes hart aufeinandertraf, und wohl auch eine Art Betriebsgeheimnis der beachtlichen Prosperitätsentwicklung darstellte. Als auf einen engeren Raum zusammengerückt, erschienen die Hauptquellen der Wirtschaftsleistungen: In der Schwerindustrie etwa wurden 57% der Steinkohle, 57% der Eisenproduktion, 93% des Roheisens der Gesamtmonarchie erzeugt (vgl. S. 52/53). Innerhalb der Textilindustrie, über das ganze Kronland verteilt, wurden in Bielitz samt dem galizischen Biala „drei Viertel der gesamten Wollproduktion Österreich-Schlesiens“ produziert und „weltweit verkauft“ (S. 53).
Der dabei erforderliche Bedarf an Maschinen traf weniger den ebenso üppigen landwirtschaftlichen Sektor. Hier hielten sich hartnäckig Feudalverhältnisse: weite Landstriche waren „unmittelbares Eigentum der Habsburger“ (S. 14), durch das ‚Herzoglich-Sachsen-Teschnische-Wirtschafts-Hauptamt‘ von 1654-1918 (vgl. S. 44); Bergbaurechte, Sägewerke, Brauereien, Fischzuchten, Brennereien u.a. befanden sich im Besitz von Adelsfamilien. 1912 waren 48% der Ackerflächen in deren Hand. Beim zunehmenden bäuerlichen Eigentum überwogen die mittleren und größeren Dimensionen (vgl. S. 54). Als „einer der reichsten Regionen des Reichs überhaupt“, führte „die zunehmende Belastung der Untertanen“ zu einer „Massenauswanderung“ (S. 44).
Als ein „Mischland“ wurde es vom Bielitzer Hugo Huppert apostrophiert (Hupprt: Wanduhr mit Vordergrund. Halle/Saale 1977, S. 25), eine Region mit der Funktion eines Scharniers und als Handelsdrehscheibe, „äußerste[r] Schnittpunkt der Einflusssphären von Triest und Hamburg“ (C. Kaps: Ein Transferraum zwischen Nordsee, Adria und Osteuropa; in: ÖGL, 59. Jg. 2015, S. 132). Örtlichkeiten voller Diffusion und Kumulation.
Die satten Steuerleistungen flossen in die Leistungsverwaltung (zu der das Katasterprojekt schließlich auch zählt) des Staates, auf deren Basis wiederum die Errichtung einer sozialen Infrastruktur. Zudem hatten die Verwaltungsleistungen „die kompensatorische Funktion, das Manko einer das Staatsganze wahrenden Identität zu füllen“ (P. R. König: Im (Un-)Dickicht; in: ÖGL, 59. Jg. 2015, S. 180).
Die monarchischen rechtskulturellen Prägungen, so wie sie auch der Kataster figuriert hat, gereichten dann nach 1918 zu Phantasiegebilden nationalstaatlicher Ansprüche Polens und der ČSR; er erwies sich, in nationalistischer Optik, als Segen und Fluch zugleich.
Der tschechische Beitrag widmet sich (s)einer eigenen Katastertradition, auffällig aber, im Zuge der Erklärung von Archivbeständen, dem Umstand, dass „places from the territory of the so-called Zaolzie are missing in this collection“, andererseits, „[f]or unknown reasons, these maps have never been handed over to the Polish state and are still part of […] archivals series“ in Prag (S. 35-37). In diesem Band werden die Lücken in den Beständen farblich kartographiert und signifizieren die strittigen Territorien zwischen der ČSR und Polen in der Zwischenkriegszeit. Über die Dramatik der Konfliktaustragung mit militärischen und paramilitärischen Mitteln erfährt man hier nichts.
Wohl aber in jenen mit diesem Konflikt eigens befassten Werken: aus einer tschechischen Perspektive wird er als einer charakterisiert, „which was greater than the common threat by Hitler Germany“ (Petr Jelínek: Zahranićnê-Politické Vztahy Ćeskokoslovenska a Polska. Opava 2009, S. 203); der polnische Historiker Lech Wyszczelski moniert in seiner (Kriegs-)Darstellung das Fehlen einer tieferen Analyse dieses historischen bilateralen Konflikts: „nie jest prez nie dogłebnie przeanalizowana“ (Wyszczelski: Zaolzie 1919, 1939. Warszawa 2022, S. 230).
Als Existenzformen sind beide für die Region (mit-)maßgeblichen Gruppen, die der ‚Juden‘ und ‚Deutschen‘, verloren gegangen. Im österreichischen Beitrag werden sie zusammen erörtert; gerechtfertigt etwa durch den Umstand, dass bei Volkszählungen Juden 1900 81% und 1910 90% Deutsch als ‚Umgangssprache‘ angaben (J. Spyra: Juden im Teschener Schlesien; in: ÖGL, 59. Jg. 2015, S. 169).
Das Team bietet die Basis für Impulse: „a wealth of information […] they constitute material of high value and provide scholars today with possibilities for future research“(S. 37). Der Herausgeber als Geograph und Historiker indiziert die nicht bloß historisch relevanten, sondern sich auf aktuelle, womöglich erst entstehende Forschungszweige erstreckenden, dem Kataster innewohnenden Kapazitäten. Zu nennen wäre, dass „Landnutzungsänderungen“ sich „oft auf eine Vielzahl von Ökosystemleistungen auswirken“ (S. 198).
Eine Vielzahl von Rückschlüssen ermöglicht das hier gebotene Datenmaterial: So weist etwa der Ort Weidenau 1843/44 einen Bevölkerungsstand von 1906 Personen, als Vidnava am 1.1.2025 1190 Personen aus; der Ort Hotzenplotz 1843/44 10237, als Osoblaha am 1.1.2025 1016 Personen (S. 198, 160; aktuelle Zahlen aus: Wikipedia; abgerufen 8.8.2025).
Das von Österreich ausgehende Projekt will eine (auch im Faksimileformat) Bestandsaufnahme bieten, zu einer Fruchtbarmachung ganz im Heute; und bedrängende Fragen, so wie sie 2006 der damals stellvertretende Senatspräsident des Tschechischen Parlaments, Petr Pithart, stellte, hoffnungsfroh beantworten: „Es bleiben also viele Fragen. […] Weniger Steine, deren Anhäufung einen Sinn ergibt. Weniger Birnbäume, die Früchte tragen. Und weniger Siedlungen, in denen Menschen leben. […] Diese Fragen – sie sind das heutige Sudetenland“ (Antikomplex a kolektiv autoru (Hg.): Zmizelé Sudety. Das verschwundene Sudetenland. 5. Aufl., Domažlice 2007, S. 14).
‚Österreichisch-Schlesien‘ bildete einen Teil dieses Sudetenlands; der andere, überwiegend viel dichter besiedelte ‚polnische‘ Teil, hat geographisch Anteil an den schlesischen Beskiden. Strittig waren die Grenzen eines ethnischen Gemenges um den Fluss Olsa. Dieser separiert auch heute die Stadt Cieszyn von Česky Têšin.


