Titel
Von Friedensfurien und dalmatinischen Küstenrehen
Untertitel
Vergessene Wörter aus der Habsburger Monarchie
Rezension

Versammelt und kommentiert werden hier gängige Begriffe, stehende Redewendungen, eine Art donaumonarchischer ‚Sprech‘, welcher heute in vielen Fällen als „Unwörter“ (S. 20) eben gerade nicht in die Kategorie von ‚political correctness‘ fallen würde. Auf diese Weise hebt die Verfasserin die bewussten Harmonisierungen, versuchsweise Lebbarmachungen von damit gemeinten Übelständen ins gegenwärtige Bewusstsein.

Orientiert am Alltagsleben, soll es Konturen gewinnen über die humorigen Sprachschöpfungen, mit Analysen und Beschreibungen, worüber man sich lustig machte und was bewältigt werden wollte. Zur Unterstützung und Beglaubigung bedient sie sich dabei zeitgenössischer Quellen, wie Statistiken, Karikaturen, Postkarten, Fotos u.a.m.

Die Auswahl der lexikalisch angeordneten Stichwörter ist persönlich, jedoch nicht beliebig: Schon die Wahl des Titels beinhaltet programmatisch ein wesentliches methodisches Prinzip samt seiner Erkenntnisfunktion, nämlich kontradiktorische, einander widersprechende Wortverschmelzungen (Oxymoron) zu unterbreiten, deren bloß scheinbare Widersprüchlichkeit (Paradoxie) sie aufzeigt.

Dergestalt versucht Scheer, den einer Vielgestaltigkeit der Donaumonarchie inhärenten Gegensätzen beizukommen, sie logisch verständlich zu machen. Aus dem Phänomen von bedeutungsvollen Verklammerungen bei den historisch auffindbaren Redensarten schöpft die Verfasserin das Potential, die Spannungen, Widersprüche dieses Staatsgebildes zu verklammern, allerdings ohne sie einzuebnen oder gar zu harmonisieren. – Hierfür Beispiele:

Außer, dass es sich bei ‚Friedensfurie‘ um eine diskriminierende Bezeichnung für die Friedensaktivistin Bertha von Suttner handelt, kommt der Furor zum Ausdruck, mit dem viele Menschen kampfbereit waren, für die Erhaltung oder Verbesserung ihres sozialen Status‘; außer, dass mit den ‚dalmatinischen Küstenrehen‘ der Überdruss gegenüber dem ungeliebten, einzig verfügbaren Schaffleisch für die in Dalmatien stationierten Soldaten eine humorvolle Formel findet, verschränkt sich in dieser Fügung bloß illusionär eine linde Wald- mit einer tatsächlich kargen Karstlandschaft.

Überhaupt kennzeichnet Ausgewogenheit diese Darstellung: Beispielsweise bei der Herleitung des Begriffs ‚Kuferaschen‘ in Bosnien-Herzegowina ist es nicht nur die Ausbeutung dieses Kronlandes durch (als Anreisende koffertragende) Landfremde, sondern auch Segnungen wie die staatliche Verteilung von „Hebammenköfferchen“ aufgrund hoher „Säuglingssterblichkeit“ (S. 138), die thematisiert werden. Das durch die Wortprägungen entstehende Bild wird zumeist zurechtgerückt, korrigiert: So, wenn die Verhältnisse im Kronland Galizien und Lodomerien als ‚Skandalizien‘ abqualifiziert werden, es dann relativierend heißt: „Vieles unterschied sich bei objektiver Betrachtung allerdings nicht davon, was in allen anderen Teilen des Reiches gelegentlich oder des Öfteren vorkam“. (S. 105)

Darüber hinaus vernetzt und verklammert die Autorin auch ihre Stichwörter miteinander, erwähnt ebenfalls deren Fort- und Weiterleben über ihren Beobachtungszeitraum hinaus: die „Bezeichnung ‚Schwarz-Gelb‘ hielt sich noch lange, vor allem eher abschätzig gemeint“ (S. 186).

Gemessen an den tatsächlichen Vernetzungen von Gegebenheiten Österreich-Ungarns in der Phase seines (Radetkymarsch-) ‚Abtakts‘, wird hier eine unvollständige, gerade deshalb musterhafte Verbundenheit dieser staatlichen Kulturformation geboten: Fragmente ihres versprachlichten Abbilds, keineswegs ihres Abglanzes; Neuralgien dieses multikulturellen Staates, nicht vorsätzlich seine ‚Schattenseiten‘. Dessen letzte Epoche wird weder als eine ‚gute‘ noch eine ‚schlechte Zeit‘ beurteilt.

Die psychologische Ventilfunktion von abschätzenden/abschätzigen witzigen Wortfügungen ist von der Autorin zwar kalkuliert, wird aber nicht besonders entfaltet. Sie verfährt als Historikerin, zur Information für die Zeitgenossenschaft. Und so liefert sie einen wichtigen Beitrag zum Nachweis des Erkenntnisgewinns, wenn man, in bewusster Abwandlung einer Schrift von Sigmund Freud, auf den ‚Witz und seine Beziehung zum Bewussten‘ setzt.

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