Titel
Illustrierter Atlas der Weltreligionen
Rezension

Tim Dowley hat in zwei bereits vorliegenden kartografischen Werken die Geschichte des Christentums und die Reformation in Europa illustriert. Im neuen, anzuzeigenden Band setzt er sich nach einem vergleichbaren Muster nun mit den Weltreligionen auseinander: Auf Grundlage weitgehend chronologischer Kriterien angeordnet skizziert er „Die Welt der Antike“ (Teil 1, S. 14-31), den „Hinduismus“ (Teil 2, S. 32-43), den „Buddhismus“ (Teil 3, S. 44-57), das „Judentum“ (Teil 4, S. 58-79), das „Christentum“ (Teil 5, S. 80-107), den „Islam“ (Teil 6, S. 108-131) und wirft einen zusammenfassenden wie abschließenden Blick auf die „Weltreligionen heute“ (Teil 7, S. 132-155). Diverse Verzeichnisse und Register helfen der Leserschaft, sich den Band zu erschließen.

Dowleys Zusammenstellung wendet sich vor allem an Interessierte, die einen schnellen Überblick über Entwicklung und Verbreitung von Glaubensgemeinschaften mit den meisten Anhängern weltweit haben möchten. Die Reduktion der – seiner Auflistung nach – „Weltreligionen“ auf 57 Karten lässt sich nicht ohne Verkürzungen und Vereinfachungen von komplexen Vorgängen bewerkstelligen. Unbeantwortet bleibt eine erste Frage, welche Kriterien eigentlich nach Dowleys Einschätzung eine „Weltreligion“ erfüllt haben muss, um in den Illustrierten Atlas Aufnahme zu finden. Gerade bei den alten Religionen Mesopotamiens, Ägyptens und Griechenlands stellt sich die Frage, ob eine globale Verbreitung jemals intendiert bzw. jemals gegeben war. Das Judentum hätte wie auch das frühe Christentum ohne Einschränkung ebenfalls unter die „Welt der Antike“ subsumiert werden können – ja müssen, da diese beiden Religionen ohne Auseinandersetzung mit den sie umgebenden sumerischen, babylonischen und altägyptischen sowie hellenistischen Kulturen vielleicht gar nicht entstanden wären oder sich in anderer Form entwickelt hätten.

Einzelne Aussagen sind aufgrund ihrer Verkürzung falsch oder laufen Gefahr, bei der Leserschaft falsche Bilder hervorzurufen: Die These etwa, man wisse nur wenig über die Glaubenswelt der Ägypter (vgl. S. 20), ist so falsch. Es gibt ein Ungleichgewicht der Überlieferungen abhängig von Ort und Zeit. Weniger ist über die religiösen Konzepte des Pyramidenzeitalters bekannt im Vergleich zu den Vorstellungswelten des sog. Neuen Reiches mehr als ein Jahrtausend später. Diese Variablen ignoriert Dowley. Dass die jüdische Bevölkerung in sog. Ghettos zusammengepfercht wurde und von dort in „umliegende Wälder“ (S. 73) verbracht und erschossen wurde, lässt sich belegen. Es ist aber nur eine unter vielen mehr menschenverachtenden, abscheulichen und brutalen Maßnahmen, denen Bürger jüdischen Glaubens und/oder Abstammung unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ausgesetzt waren. Derartige Verkürzungen verharmlosen Gräueltaten, da sie das komplexe System negieren, in dem eine Repression auf die nächste folgte und eine weitere Verfolgung tödlicher als die vorhergehende war, und sie bergen die Gefahr einer ungerechtfertigten Relativierung in sich.

Angaben in den erläuternden Texten bzw. auf den Karten selbst sind in manchen Fällen kritiklos aus den Überlieferungen der Religionen übernommen, obgleich ein gesicherter wissenschaftlicher Beleg fehlt. Über die Route des Exodus (Karte 18, S. 61) wie über den Exodus an sich selbst lässt sich trefflich streiten und Argumente für die eine wie für die entgegengesetzte Lesart finden. Die Bibel ist eben kein historisches Dokument, und in ihr finden sich widersprüchliche Angaben unmittelbar nebeneinander. In wie weit Christen bereits um 45 n. Chr. eine erkennbare Präsenz in Nordägypten oder speziell in Alexandria hatten, muss hinterfragt werden. Denn erst mit Demetrius (189-232), dem elften Bischof von Alexandria nach Markus, beginnt die Reihe historisch greifbarer höchster Amtsträger.

Die vorgeschalteten chronologischen Angaben (S. 12-13) sind für die alten Religionen mit Unsicherheiten behaftet, die Dowley nicht erwähnt. Ein marginaler, aber auffallender Fehler ist die Regentschaft Ramses‘ II. im Illustrierten Atlas, die von 1290-24 v. Chr. dauern soll. Ramses II. regierte zwar lange, aber nach diesem chronologischen Ansatz nicht über das Jahr 1224 v. Chr. hinaus. Zu bevorzugen ist jedoch die Ansetzung seiner Regierungsjahre zwischen 1279-1213 v. Chr.

Diese wenigen Beispiele mögen die Einschränkungen des anzuzeigenden Bandes aufzeigen. Interessant bleibt es, die regionale Ausdehnung einzelner Glaubensgemeinschaften vor Augen geführt zu bekommen, doch wie bereits erwähnt verallgemeinern die Karten; ein Umstand, der bei jeder Betrachtung gegenwärtig sein muss. Daher hat das Buch illustrierenden Charakter, Religionen werden eben nicht „unter die Lupe genommen“ (S. 11), sondern großräumig und allgemein gehalten behandelt. Illustrierter Atlas der Weltreligionen als ein einführendes Übersichtswerk genommen, ist ein preisgünstiger Einstieg in die globalen Glaubenswelten mehr gegenwärtiger denn vergangener Kulturen, der zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Hilfe weiterführender und tiefer gehender Literatur einlädt.

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