Titel
Wirtschaftsethik
Untertitel
Vom freien Markt bis zur Share Economy
Rezension

Ethik erzeugt Suchbewegung, gerade in Zeiten des Wertewandels und Werteverfalls. Sie hat sich dabei in Fachwissenschaften wie Medizin-, Rechts-, Tier- oder Technikethik verästelt. Nicht minder von Bedeutung ist die Ethik des Wirtschaftens. Nils Ole Oermann, Professor für Ethik mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit und nachhaltiges Wirtschaften an der Leuphana Universität Lüneburg stellt in Wirtschaftsethik ihre Grundpositionen und Konzepte vor.

Grenzziehungen sind schwierig, schon der Begriff Wirtschaftsethik ist problematisch: „Dass es fast so viele Wirtschaftsethiken gibt wie Ethiken […], nährt den Verdacht, hinter so vielen individuellen Angeboten gäbe es gar keine allgemeine Wirtschaftsethik“ (S. 21 f.).

Was sich zur Entwicklung von Ökonomie und Wirtschaftsethik zusammentragen lässt, wird in kurzer Ideengeschichte umrissen (S. 23-47). Oermanns Streifzug greift hier u.a. die Philosophie Marx', Schumpeters These von der 'schöpferischen Zerstörung' des Kapitalismus und Schriften von Vertretern der Chicago School auf (S. 28-40). Erfreulicherweise sind auch Aspekte der katholischen Soziallehre (Oswald von Nell-Breuning) und der evangelischen Sozialethik berücksichtigt (S. 42-47), die aus Ethik-Diskursen aufgrund des allgemeinen Bedeutungsniedergangs der großen Kirchen in Deutschland weitgehend verschwunden sind.

Dass das Wirtschaften im modernen Staatswesen mit ethisch Grundsätzlichem zu tun hat, wird in Kurzbeiträgen zu Themen wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Verantwortung, Vertrauen und Menschenwürde deutlich, die für Oermann „Schlüsselbegriffe und Grundpositionen“ darstellen (S. 48-74). Ebenso sind ihm „Themen und Konzepte“ (S. 75-114) wichtig, die auf Problemfelder wie Faire Trade, Kinderarbeit, Nachhaltigkeit oder auch Mindestlohn verweisen. Doch auch die Wirtschaftsethik führt nicht zu letzten Gewissheiten, sondern generiert zweierlei: “den Zweifel daran, ob die heutige Weltwirtschaft wirklich schon die beste aller Welten verwirklicht, und das Interesse daran, was sich in dieser Welt, wie sie jetzt ist, ethisch verbessern lässt“ (S. 116).

Oermanns Wirtschaftsethik ist lesenswert. Es wird kein dichtes Gestrüpp aus Wirtschaftswissenschaft und Ethik geliefert. Vielmehr werden neben fundierter Einführung in die Thematik Alltagsbeispiele diskutiert, in denen ethische Probleme, Dilemmata und Gerechtigkeitsfragen offen zu Tage treten: der Fußballspieler im Konflikt mit dem Geist des Fairplay, die verarmte Rentnerin, die sich keinen teuren Fair-Trade-Kaffee leisten kann oder auch das Einkommen eines Vorstandsvorsitzenden, das 450-mal so hoch wie das eines seiner einfachen Angestellten ausfällt.

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