Titel
Anmerkungen zu Hitler
Rezension

Neben wöchentlichen Kolumnen, die der Journalist Sebastian Haffner (1907-1999) für die Die Welt, später für das Hamburger Magazin stern ablieferte, wurden Buchveröffentlichungen zur deutschen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert Themenschwerpunkt seiner Arbeit. Haffners Anmerkungen zu Hitler, 1978 erstmalig im Kindler Verlag veröffentlicht, sind nun bei Rowohlt neu erschienen.

Haffner bündelt mit den Teilen „Leben“, „Leistungen“ und „Erfolge“ Hitlers Vorgeschichte und die ersten sechs Reichskanzlerjahre (S. 7-87), um mit der Klimax „Irrtümer“, „Fehler“, „Verbrechen“ und „Verrat“ abzuschließen (S. 88-190). Der Mensch Hitler interessiert Haffner dabei kaum.

Vom Leben im nationalsozialistischen Deutschland angewidert, fühlte sich Raimund Pretzel, der sich im englischen Exil Sebastian Haffner nannte, heimatlos und entwurzelt. Seinem Buch merkt man das nicht an. Gleichwohl schreibt er nicht mit der inneren Ruhe des Unbeteiligten, mit der er einst Fehlersuche im Versailler Vertrag betrieb. Haffner will keine Biographie abliefern. Wer sein Buch liest, wird an den Privatier erinnert, der im Herrenzimmer kurze, aber sehr kluge Ausführungen im Pluralis Auctoris betreibt. So ist zu Nazi-Wirtschaftswunder, Aufrüstung und Hitlers Idee von der Schaffung selbstständig operierender Panzerarmeen zu lesen (vgl. S. 35-42). Moralurteile sind nicht zu erwarten: „Leistungen sind als solche moralisch neutral. Sie können nur gut oder schlecht sein, nicht gut oder böse“ (S. 50).

Haffner interessieren „die ausgefransten Ränder der Hitlerschen Gedankenwelt“, denn „was sind die Juden eigentlich in Hitlers Augen? Eine Religion, ein Volk, eine Rasse?“ (S. 98). Doch Rassendenken, Eroberungskriege und Lebensraumutopien waren keineswegs Nazi-Neukreationen. Haffners Hitler bleibt zumeist unoriginell. Erst die Ausrottungsvariante eines überkommenen Antisemitismus und der Irrtum, „daß er im Deutschen Reich einen ernsthaften Kandidaten für die Weltherrschaft sah“ (S. 107), machen die auffälligsten Eigenkreationen deutlich, die Haffner an Hitler festmacht. Hitlers antisemitische Obsession, die zur Emigration jüdischer Wissenschaftler aus Deutschland führte, lädt zu einer der vielen Spekulationen ein, denen im vorliegenden Buch freien Lauf gelassen wird. So hätte „ohne Hitlers Antisemitismus wahrscheinlich Deutschland, und nicht Amerika, als erste Macht eine Atombombe entwickelt“ (S. 120). Mit Hitlers Massenmord an den Juden, „seinem zahlenmäßig größten Verbrechen“ (S. 163), war „eine Art Wettlauf“ verbunden: „Wer würde früher am Ziel sein: Hitler mit seiner Judenausrottung, oder die Alliierten mit ihrer militärischen Niederwerfung Deutschlands?“ (S. 169).

Haffners Anmerkungen zu Hitler sind Gedankenausflüge ohne Realitätsferne, zugleich nüchterne Zustandsbeschreibungen. Die bei vielen Deutschen verdrängten Erinnerungen an Hitler zu vergegenwärtigen, war Haffners Ziel – bereits vor vierzig Jahren. Das ist gut so. „Weniger gut ist, daß viele Deutsche sich seit Hitler nicht mehr trauen, Patrioten zu sein. Denn die deutsche Geschichte ist mit Hitler nicht zu Ende. Wer das Gegenteil glaubt und sich womöglich darüber freut, weiß gar nicht, wie sehr er damit Hitlers letzten Willen erfüllt“ (S. 190).

Dem Urteil, einst von Joachim Fest getroffen, Haffners Anmerkungen zu Hitler seien ein „meisterliches Stück der historischen Essayistik“, ist nichts hinzuzufügen.

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