Titel
Formen des Vergessens
Rezension

Das Hauptthema des Buches kann gleich zweimal verwundern: Zum einen ist Vergessen „der Normalfall“, „Anstrengung“ (S. 30) hingegen erfordert das Erinnern; außerdem ist gerade letzteres die Domäne der Autorin.

In klärender Weise geht es hier insbesondere um „Formen der Verschränkung und Überlappung“ (S. 19) von Erinnern und Vergessen. Entfaltet wird eine kompakte und bündige Skizze von Feldern der spezifischen wechselseitigen Bedingtheiten beider begrifflichen Sphären. Dabei entspricht sie nicht zuletzt mit ihrer Wendung zum Schluss gegen aktuelle Trends in der Interpretation von neuen Zeiterfahrungen „unter dem Vorzeichen der technischen Digitalisierung“ (S. 224) ihrem Vorhaben, „nicht nur eine weitere Taxonomie des Vergessens“ (S. 29) zu liefern; am Ende kommt sie gar zu einem beruhigenden Fazit.

Zur Orientierung wird zunächst schematisch die „Dynamik des kulturellen Gedächtnisses“ in Form von zentripetal und zentrifugal sich sozial und kulturell, vornehmlich auch politisch auswirkenden ‚Kräften‘ geboten; sodann ‚Vergessen‘ kurz spezifiziert in konkreten „Handlungen, Verfahren und Strategien“, wie etwa „Löschen“, „Zudecken“ usw. (S. 21)

Getilgt werden kann die menschliche Fähigkeit des Vergessens nicht, was seine Valenz erweist. Bleibt eine mehr oder weniger lenkende Herangehensweise, die die Autorin in „Sieben Formen des Vergessens’“ darstellt, und gleich auch mit dem „automatischen“ beginnt. Wohlweislich repräsentieren Erinnern wie Vergessen „’menschliche Eigenschaften, die weder gut noch schlecht sind‘“ (S. 11). Entsprechend stellt Assmann die ‚heilsame’, ‚segensvolle‘ (vgl. S. 43) Funktion des Vergessens in den Vordergrund, eine Ressource, die zum Zweck der Entsorgung obsoleter, ungesunder Besorgnisse die Aktivierung „des Entlernens, des Rückgängig-machens schädlicher Synapsen und Gedächtnisspuren“ (S. 63) nötig machen kann. Überhaupt verleihe angesichts von lebensgeschichtlich unausbleiblichen „Enttäuschungen, Rückschlägen und Leiden“ das Vergessen die „Kraft des Durchhaltevermögens“ („Resilienz“) (S. 58), entferne Ballast als Voraussetzung für einen Neustart. Solcherart fungiert es als „selektives“ oder „konstruktives“ Vergessen. Auch im Falle des „strafenden“ und „repressiven“ Vergessens belässt es die Autorin bei funktionellen Charakterisierungen. Bei letzterem kommt sie allerdings nicht umhin auf den „performativen Widerspruch“ hinzuweisen, dass „Aufmerksamkeit [mobilisiert wird] für das, was gleichzeitig der Wahrnehmung entzogen werden soll“ (S. 49).

Quantitativ den Hauptteil bilden „Sieben Fallstudien“ aus der Praxis, vier davon bemühen weitere Beispiele zu Darstellungszwecken. Den ersten sechs Fällen ist der strategische Einsatz der Kompetenz zum Vergessen im politisch instrumentalisierten Kalkül gemeinsam. Die Beispiele reichen von diversen Manövern mit Denkmälern (etwa Lenin) bis zu Radikallösungen durch „Zerstörung materiellen Kulturerbes“ (Sarajewos Bibliothek etwa); sie handeln jedoch auch von Maßnahmen zu deren Restitution, um gleichfalls auf politischem Weg die Politik von Annullierungen des kollektiven Gedächtnisses sichtbar und somit rückgängig zu machen (etwa Palästinenser/Israeli). Assmanns jeweilige Position ist dabei durchaus erkennbar, so auch in ihrer Skepsis darüber, ob, indem „wir mit Person und Werk von H.R. Jauß die Nazi-Vergangenheit wie einen Dämon austreiben“ (S. 196), günstig sei.

Am markantesten kommt das Profil ihrer Ansicht im Schlusskapitel zum Ausdruck, in dem sie auf eine durch das Internet begünstigte „Verschmelzung von neuen Medien und Gedächtnis“, und damit eine angebliche Lösung der „Verbindung von Gedächtnis und Identität“ (S. 213) reagiert. Sie plädiert für „einige grundsätzliche Unterscheidungen“ und hält es für angebracht, „genauer über die neuen Interferenzen unterschiedlicher Zeiterfahrungen nachzudenken“ (S. 214/215): „In der digitalen Welt des ‚HierJetzt‘ hat die Ware Information ihre Verbindung zu Ort, Zeit und Identität verloren. […] (S. 214). Dies enthebe jedoch gerade das Erinnern und Vergessen nicht ihrer Funktionen, mit dem Hinweises: „Sortieren und Suchen ist aber nicht gleich Erinnern. Dafür bedarf es Kriterien der Bedeutung und Relevanz, die allein aus der Verbindung von Information mit individuellen und kollektiven Identitäten erwachsen, und deren Rückseite die Ausblendung von unwesentlichem, die Negierung von Auszuschließendem und andere Arten des Vergessens sind.“ (S. 215/216) Der „rapide(n) Erweiterung der ‚Infosphäre‘“ stünden mit den verschränkten Ressourcen des Erinnerns und Vergessens gleichsam eine Intimsphäre gegenüber; jedenfalls verhindern gerade diese nach Ansicht der Autorin, „dass es eine volle Kontrolle über das Gedächtnis [...] nicht so bald geben wird.“ (S. 224)

Aleida Assmann erweist sich somit erneut als Expertin des Gedächtnisses, dessen umfängliche Kapazitäten, gerade auch in digitaler Zeit, sie ermutigend, da schlüssig aufzeigt.

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