Titel
Gretchenfragen an Naturalisten
Rezension

Die feministischen Theoretiker(innen) lassen in ihren Reflexionen die Evolutionstheorie ganz unbeachtet. Für sie wird Männlichkeit und Weiblichkeit gesellschaftlich, kulturell hergestellt. Es gilt noch immer Simone de Beauvoirs Dictum, man werde nicht als Frau geboren, sondern dazu durch die Umgebung gemacht. Wer biologische Fakten erinnert, wird als biologistisch, essentialistisch diffamiert. Indes, eine Unwahrheit wird nicht dadurch zur Wahrheit, dass man sie dauernd wiederholt. Die erste Arbeitsteilung zwischen Männchen und Weibchen in der Reproduktion, also im Kinderkriegen, ist biologisch und hat massive soziale Folgen, die bis heute die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft bestimmen.

Ein vergleichbares Verhalten zeigen die Naturalisten in ihren Argumentationen: Vollmer lässt voll außerhalb, was (bei Kant) transzendental bedeutet. Wir haben eine ganz evolutionär entstandene Hardware, unser Gehirn, und darauf eingespielt eine Software. Zu ihr gehören Mathematik und Logik, wir können unseren stream of consciousness nicht unlogisch befrachten. 2 + 2 = 4 und nicht 5. So kommen wir nicht weg von den uns eingebleuten Anschauungsformen von Raum und Zeit und von Kants Kategorien wie Kausalität (sie kann durch den Zufall, den bestimmte Deutungen der Quantenphysik annehmen und den es in Romanen gibt, nicht relativiert werden). Wir haben eine die Welt formierende Software und das Glück, dass die Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis, unsere Software, mit den Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände, also der Wirklichkeit, übereinstimmen. Die Transzendentalität mag evolutionär durch spontane Mutationen, Selektionen und zufällige Entwicklung entstanden sein; das ist ihre Genese. Völlig unabhängig davon ist ihre Geltung (ich weiß von einem mathematischen Beweis, der unter Drogen und Alkohol entstand; ich nenne den Namen des Mathematikers nicht, das wäre unfair). Also auch: wir sehen die Welt als Schwarz-weiß-Film aber leider (noch) nicht farbig. So ist unser Wissen in gewisser Weise eine Verfälschung dessen, was wahrscheinlich anders ist und, unser Wissen bleibt conjektural (das ist aber auch eine Grundüberzeugung der Naturalisten). Es gibt eine prästabilisierte Harmonie zwischen Erkenntnis und Wirklichkeit: Wir erkennen die Realität, freilich nur als Erscheinung, als Abschattung, bestimmt durch unsere Software. Wir sehen die Welt durch grüne Brillengläser, wie Heinrich von Kleist, dieser so tragische preußische Junker, an seine Braut und an seine Schwester schreibt. Wir sehen, wie gesagt, die Welt als Schwarz-weiß-Film, noch nicht farbig (wie die Engel, auch wenn es sie nicht gibt). Gott allein, unabhängig davon, ob es ihn gibt, sieht die Welt unverstellt: also auch keine Farben wie die Engel sondern Wellenlängen (wenn das denn die Wirklichkeit ist; nebenbei: Gott muss als Konstrukt ins Denken eingeführt werden, man braucht ihn als den absoluten Limes. Das ist keine Aussage über seine Existenz oder Nichtexistenz: so wie man in der Literaturtheorie den idealen Leser benötigt, ohne dass es ihn je gäbe).

In seinen immer interessant anregenden Überlegungen gelingt es Vollmer auch, einen alten Trick der Argumentationsmaschinen zu aktivieren. Er betrachtet die Evergreen-Frage: warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts (die er besser unbehandelt ließe)? (S. 52) Für ihn ist die Frage entweder sinnlos – das ist die alte Strategie, die schon Carnap in seinen Scheinproblemen der Philosophie angewandt hatte. Alles, was Schwierigkeiten macht, landet in der Ablage. Oder sie ist unbeantwortbar. Genau, sie ist unbeantwortbar, für uns aber enorm interessant und wichtig. Denn wenn man Gott als Schöpfer des „ist“ einführt, so entsteht als nächste Frage: warum ist Gott? Hier bricht die Theologie die Begründung ab, die von unserer Software gefordert wird. Gott ist causa sui. Was anzunehmen eine schwere Zumutung bleibt und auch noch durch die alten Formulierungen verschleiert wird: mysterium fidei, Sprung in den Glauben, credo quia absurdum est usw.

Da und dort wäre es wohl besser, die Gretchenfragen nicht zu stellen. Dann nämlich, wenn der Versuch einer Antwort kläglich ausfällt. „Wie entstand die Sprache?“ „Entstehung und Entwicklung sind unbekannt und schwer zu rekonstruieren“. Weiß Gott ja, besonders wenn man in die Details geht: Warum hat das Indogermanische drei Genera (der, die das; ille, illa, illud), das Englische aber nur noch eins (the)? Den Holländern genügen zwei (de und het).Wieso hat das Gotische einen Dual, der später verlorenging? Der naturalistische Versuch, evolutionstheoretisch weiterzukommen, hilft hier wenig. „Wer gefährliche Situationen intern, also im Gehirn, als gefährlich repräsentiert, hat evolutionäre Vorteile.“ (S. 60) Das ist das ziemlich alte „Argument“ der Evolutionstheorie von den Vorteilen der Fitteren, der Besseren. Klar, wer Sprache hat, Sprüche macht, steht besser da als sprachlose Dummköpfe. Mit diesem Ansatz bleibt aber ganz außerhalb, was Ferdinand de Saussure, der große Linguist, „faculté de langage“ nannte, also genau die Software, die das Sprechen ermöglicht. Für den Naturalisten ist sie schlicht durch Mutation in einer langen evolutionären Entwicklung, zufällig, nicht zielgerichtet und doch durch die Selektion gelenkt, spontan entstanden. Diese „Erklärung‘“ ist keine, sie bringt nicht weiter, weil sie dem zu Erklärenden einen Mantel, der auch sonst tragbar ist, umhängt, nicht aber auf die konkreten Sachlagen eingeht.

Das naturalistische, evolutionstheoretische Denkmuster, diese Strategie der Argumentation ist ein Sprachspiel mit wenigen Spielmarken: Gene, Mutationen, Selektionen, Erfolg der besser Angepassten, Autopoiesis. Sicher, es möchte als starke Kraft gelten, zur szientifischen Weltanschauung zählen (wie Mathematik, Physik, Astronomie, wohl auch Chemie u.a.), als stabilisierte Regierung. Es ist aber nur eine schwache Kraft, nur Begleiter der harten Wissenschaften. Sicher, die Evolution des Geistes als mental-progressive Entwicklung bringt eine Entzauberung der Welt, aber sie ist keine Szientifizierung durch Mathematisierung.

Die Naturalisten vertreten keine harte Theorie, wie es Mathematik und Physik sind; ihnen fehlt deren Zentral-Merkmal: die Mathematisierung (vgl. Husserl, Die Krisis der europäischen Wissenschaften). Physik ist Mathematik. Der Naturalist ist nur und pur Spieler, ein Spieler mit Sprache. Wort und Begriff „Zufall“, „Autopoiesis; die als Zauberschlüssel fungieren, sind nichts als sprachliche Konventionen, Wittgensteinsche Sprachspiele. „Zufall“ kann in den evolutionstheoretischen Texten substituiert werden durch „göttlichen Eingriff“, auch durch Gnade, durch Tat (Gottes). En arche en ho logos, am Anfang war der logos, die Tat.

Vollmer kämpft auch mit der Willensfreiheit. Man sollte nicht fragen: Gibt es einen freien Willen? Sondern: Wie frei ist der Wille (das Wünschen, das Wollen)? Jedenfalls klar ist, dass die Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, vorbei sind. Auch das Wollen kennt seine Grenzen; wenn ich grad mal auf den Mond springen will, dann geht das nicht. Auch mein Wunsch und Wille, endlich einmal im Lotto zu gewinnen, bleibt vom Erfolg verschont. Auch hier wusste der Dichter schon Bescheid: „Entbehren sollst du! sollst entbehren!“ Für den alten Goethe ist Entsagung, somit Einschränkung der Willensfreiheit, selbstgewisse Maxime seines Handelns. Vollmers Darstellung der Willens(un)freiheit fällt knapp und wenig überzeugend aus. Er fühlt sich wohl selbst bei dieser steilen These der Unfreiheit nicht ganz wohl. So respektiert er eine Bestimmung, die er in der Literatur findet. „Willensfreiheit ist Dominanz des rationalen Steuerungssystems über das triebhaft-instinktive“. Das ist aber nichts anderes als ein Sigmund Freud Plagiat; der Wiener kennt bekanntlich den Kampf des Ich gegen Es und Über-Ich. Aber auch Freud war nur das Sprachrohr Platons, dessen logistikon gegen epithymethikon und thymoeides kämpfen muss, wie der Wagenlenker gegen wilde Gäule.

Freiheit des Willens gibt es als Wahlfreiheit; das Ich kann zwischen Dies und Das unterscheiden und dann entscheiden, was es zu realisieren versuchen will. Dabei ist seine Entscheidung vielfältig beeinflusst, (kausal) bedingt: von den Genen, der Umwelt, der Situation und den üblichen Verdächtigen. Es gilt hier, was Foucault über den Autor herausfand (Qu‘est ce qu‘un auteur?). Den Autor gibt es gar nicht, es schreibt in mir, wie Rilke sagte. Das Schreibprodukt ist vielfältig bedingt und seine Wirkung liegt nicht im Wollen und Willen des Autors. Die Willensfreiheit kann (jedenfalls vorläufig und absehbar zukünftig) nicht widerlegt werden; sie bleibt und wenn sie nicht den Charakter einer konstituierenden Kategorie hat, doch als Postulat, das die Würde des Menschen absichert. Es gilt Voltaires Satz analog: „Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer“. Sollte es die Willensfreiheit nicht geben, dann muss sie erfunden werden.

Ein grundlegender Einwand gegen Vollmer und seine Darlegungen aber ist: sie bleiben dogmatisch, thetisch, bestimmend, behaupten etwas, was nicht belegbar ist. Etwa die Existenz oder Nichtexistenz Gottes. Das sollte man mit den antiken Skeptikern und mit Walter Schulz im Schweben lassen, epoche üben, Urteilsenthaltung (vgl. zu Schulz: Tübinger Triade von Franz Josef Wetz, 1990). Auch das hat der Dichter empfohlen; er will sogar das Unentscheidbare, Unerforschte demütig verehren. Das kann man auch lassen. Die Naturalisten aber sollten ihre Antworten überdenken; sie gehören in die dogmatische Denkform (die Erich Rothacker beschrieben hat) und sie sollten über sich einmal gründlich nachdenken, um sich selbst als dogmatische Fundamentalisten zu erkennen.

Ansonsten gibt es immer dasselbe Muster der Argumentation: Warum hat die Kuh ein Euter? (S. 62) Der gute Hamburger Ratsherr Barthold Hinrich Brockes hat das in den neun Bänden seines Irdischen Vergnügens in Gott lyrisch beantwortet: damit wir Menschen Milch haben (ja, den Kälber gibt er auch was ab). Er hält in seinen Texten an einer physikotheologischen Sicht der Sache fest und sieht überall die teleologische Zielrichtung. Schiller (oder Goethe) hat das bekanntlich in einem Xenion verspottet:

„Der Teleolog.
Welche Verehrung verdient der Weltenschöpfer, der gnädig
Als er den Korkbaum schuf, gleich auch die Stöpsel erfand!

Die evolutionstheoretische Antwort der Naturalisten lautet: Euter sind durch Mutation entstanden, durch Entwicklung bei euterlosen Tieren; jetzt kommt die Selektion, die Kühe, die ihre Kälber mit Milch versorgen konnten, konnten ihre Gene besser weitergeben und haben so auch die Euterkuh vermehrt. Das ist keine Erklärung, sondern eine verbale Jonglage mit Buchstaben, mit wenigen Worten, die als Begriffe sich gerieren: Mutation, Selektion, genetische Stabilisierung usw.

Zum Sinn des Lebens sagen die Naturalisten (S. 62) das, was auch schon der Dichter sagt: Es gibt keinen objektiven Sinn in der Welt, der Mensch muss ihn selbst und für sich setzen:
Wisset ein erhabner Sinn
Legt das Große in das Leben,
Und er sucht es nicht darin.
(Schiller, Die Huldigung der Künste)

Vollmer wagt sich auch an das dornenreiche Leib-Seele-Problem heran; diese Befassung bleibt schon deshalb unbefriedigend, weil sie keine Unsterblichkeit kennt. So wird die Seele im Embryo, der „kein Bewusstsein hat in nahezu kontinuierlicher Weise ein Wesen mit Bewusstsein“. Das ist ontogenetisch, phylogenetisch sind „in der biologischen Evolution Systeme mit Bewusstsein (und mehr ist die Seele für den Naturlisten nicht) ganz allmählich entstanden“. (S. 66) Tja, so wie Tauben aus dem Hut des Zauberers. Das ist eine Wiedergabe der Oberflächenstruktur, ja, so wird es sein, zufällig, spontan ist da Bewusstsein entstanden durch Mutation, das dann gegenüber bewusstseinslosen Wesen einen evolutionären Vorteil brachte. Das sehen wir heute. Der Mensch als das wohl einzige Lebewesen mit Bewusstsein, der homo sapiens sapiens, der nicht nur wissende Mensch, sondern der Mensch, der auch weiß, dass er weiß. Unklar bleibt, wieso diese Entwicklung eintritt, sie ist schlicht und einfach da, spontan, plötzlich, zufällig. Solche blanks haben die naturwissenschaftlichen Systeme öfter. So kann kein Physiker sagen, warum es zum big bang kam (wenn es ihn denn gab). Indes schließt diese These den Schöpfergott nicht aus, der genau diese Evolution anschiebt und sie verlangt ebenden Glauben, der von den kreationistischen Evangelikalen verlangt wird.

Ganz beiseite gelassen wird von den Naturalisten, wie es mit der sog. Unsterblichkeit der Seele bestellt ist. Man kann sagen, dass alle großen Denker der Menschheit an diesem Konstrukt festhalten; es ist ein Postulat. Beweisen, wie noch Platon glaubte, lässt sie sich nicht. Aber diese Sache einfach in den Papierkorb des Denkens zu schieben, scheint mir jedenfalls zu einfach. Es muss als Inhalt des Glaubens gelten dürfen. Die Naturalisten sehen da nicht immer klar: „Niemand weiß etwas darüber, nur Glaube und Aberglaube maßen sich an, etwas darüber zu wissen.“ (S. 68) Da genau liegt der Hase im Pfeffer: Kein Glaubender darf beanspruchen zu „wissen“; er kann und darf nur glauben (und da so ziemlich alles, was er will. Allerdings hat er sich in seinem bürgerlichen Leben an das GG, das BGB und was es auch immer an Staatlichkeit gibt, zu halten. Zuerst das GG, dann die Bibel. Das wissen wohl auch die Kirchenleute, die Kirchenasyl gewähren).

Herder hat einen Aufsatz geschrieben Über das Denken und Empfinden der menschlichen Seele. Er unterscheidet hier verschiedene Tätigkeiten des Bewusstseins, Husserl hätte gesagt Noesen. Der junge Goethe folgt ihm hier, wenn er von „Fühlhörner“ spricht, mit denen wir „das Universum ertasten“.

Etwas zu wissen ist eine Art der Weltorientierung, sie ist evolutionär stärker als zu glauben. Vielfach hat das Wissen den Glauben als prärationale, symbolische Erfahrung der Welt erkannt. Das zeigt etwa die antike Göttervorstellung, wo jede Naturkraft als Gott erlebt wurde. Sie wird aber auch zur Entzauberung der Welt beitragen; mit der Erfindung der elektrischen Glühbirne sind die Gespenster, Geister und Heinzelmännchen aus der Lebenswelt verschwunden. Die antidogmatische Denkform wird den Glauben (mit all seinen Absurditäten) neben dem Wissen respektieren und tolerieren. Der Universalitätsanspruch der Evolutionstheorie ist nicht haltbar.

Heute vertretbar ist allein die antidogmatische Denkform: Sie ist dogmatikfrei, d.h. sie hat nur ein Dogma: dass es keine Wahrheit, keine Dogmen gibt. Sie lässt Mathematik und Logik als Quasi-Dogmatiken gelten, als rational begründete Gewissheiten. Hier werden mit dem Prager Philosophen Bernard Bolzano „Sätze vor Gott“ formuliert: auch Gott muss sich an die Logik halten (vielleicht kann er eine andere erfinden). Empirische Erkenntnisse sind nur wahr, soweit sie sich nach Husserls „Prinzip aller Prinzipien“ ausweisen, also soweit sie Falsifizierungen widerstehen. Die antidogmatische Denkform ist allergisch gegen Setzungen, gegen theoretische Systeme. Sie ist im Blick auf bestimmte Bereiche des stream of consciousness agnostisch und skeptisch.

Denkformen bilden sich, ohne dass wir wirklich wissen, was da kausal am Werkeln ist (warum radikalisieren sich Menschen, die eben noch unauffällig-normal erschienen, rauchten und tranken und Bordelle besuchten?). Gläubige glauben an das Jesulein in der Krippen und am Kreuz; religiöse Menschen (das wird zu wenig beachtet: die Differenz von gläubig und religiös) halten sich an Kant und Goethe: an Gott, die Unsterblichkeit der Seele (die von den Naturalisten negiert wird), die Glückseligkeit. Sie wissen das nicht so, wie sie die Bedeutung lateinischer Vokabeln wissen, aber sie postulieren diese drei Begriffe als seiend-gültige Identitäten. Indifferente Menschen gehören keiner dieser Denkformen an; sie leben, wie ein französischer Moralist sagte, ohne Gott in einer kalten Welt.

Für das Ganze des Buches gilt: Auch wenn gerade bei den substantiellen Fragen die Antworten nicht immer befriedigend sind, das Buch von Gerhard Vollmer bleibt höchst interessant und anregend und ein wichtiger Beitrag zur Erörterung vieler Lebensweltprobleme.

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