Titel
Religionsgeschichte Deutschlands in der Moderne
Rezension

„Der Deutsche selbst ist nicht, er wird, er entwickelt sich“, weiß Nietzsche zu berichten, jenseits von Gut und Böse. Auch im Religiösen entwickelt sich der Deutsche. Darüber schreiben ist Herausforderung, bleibt aber auch undankbare Aufgabe. Ihr hat sich nun der Tübinger Religionswissenschaftler Horst Junginger in seiner Religionsgeschichte Deutschlands in der Moderne angenommen.

Junginger gliedert seinen Band in sechs Kapitel und schließt mit Auswahlbibliographie und Register. Kurzkapitel eins (S. 9-12) beginnt schonungslos: „Man kann sagen, dass die Religion in Deutschland aufgehört hat, eine Selbstverständlichkeit zu sein“ (S. 9). Gemeint ist christliche Religion, die nach Junginger im Wandel begriffen ist, weg von Kirchenbindung, Dogmen und Bekenntnisgrundsätzen. Wandel bedeutet auch Globalisierung und vermehrte Wahrnehmung nichtchristlicher Einflüsse. Religion liefert den Deutschen damit nichts Fertiges – sie bietet Versatzstücke, die „in einem Akt der religiösen Selbstermächtigung nach eigenem Belieben neu zusammensetzt“ werden müssen (S. 10).

„Der wissenschaftliche Referenzrahmen“ (S. 13-22), Kapitel zwei, fächert auf: Religionsgeschichte schließt alle Religionen ein, auch den „Übergangsbereich zu nichtreligiösen Sinndeutungen“ (S. 13). Die Religionswissenschaft ist dem Epoché-Konzept folgend der „Urteilsenthaltung bei religiösen Wahrheitsfragen“ verpflichtet (S. 15). Sie will verstehen, vergleichen und wächst an ihrem empirischen Selbstanspruch, „je mannigfaltiger sich Religionen ausprägen“ (S. 15). Religionswissenschaft bedeutet Loslösung von theologischen Erklärungsmodellen. Mehr noch: sie entheiligt Religion geradezu, nimmt ihr Deutungshoheit und Wahrheitsanspruch über Geschichte, Kultur und Wissenschaft. Christenreligion wird „nun selbst zu einem erklärungsbedürftigen Teil der Welt“ (S. 22).

Kapitel drei orientiert sich an „Hauptlinien des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche“ (S. 23-62). Frühneuzeitliche Glaubensspaltung und Konfessionskriege ließen in Mitteleuropa einen amorphen kaiserlichen Herrschaftsbereich entstehen, „eine Verreichlichung oder Zentralisierung der Territorien wie in Frankreich, Spanien oder England war vollkommen ausgeschlossen“ (S. 23-24). Das Übel des katholisch-protestantischen Gegeneinanders reichte dabei bis in die Tage der aufstrebenden Macht Preußens. Gewissens- und Glaubensfreiheit wurden zwar widerwillig gewährt, blieben aber mehr „ein politisches Zugeständnis, das gemacht wurde, um der von der Demokratie ausgehenden Gefahr für das Königtum zu begegnen“ (S. 26). Was Junginger nach der Reichsgründung 1871 im Konflikt zwischen preußischer Dominanz und päpstlich-katholischem Machtanspruch vor allem sieht ist Kulturkampf, genauer: königstreuer bismarckscher Antikatholizismus versus römischen Papalismus (S. 29-45). Die Begriffe Kanzelparagraph, Maigesetze und Zivilehe werden abgearbeitet (S. 35-39), die für eine Zeitatmosphäre stehen, aus der sich für deutsche Katholiken trotz staatlicher Gängelung und Bestrafung „tiefgreifende Solidarisierungseffekte“ ergaben wie auch Bismarck aus ihr „als psychologisch versierter Machtpolitiker“ (S. 41) hervorging. Nicht ohne Blessuren, denn gerade das Ende des Kulturkampfes machte mit dem Aufkommen der Arbeiterbewegung den Reichskanzler selbst zum Getriebenen. Bismarck und Papst stehen in seltener Eintracht gegen den staatsgefährdenden Mob des Sozialismus, wie eine der Karikaturen in Jungingers Band verdeutlicht (S. 44). Durch Bismarcks neue Sozialpolitik und die „Intensivierung des kaiserlichen Sozialpaternalismus“ (S. 47) wurde im wilhelminischen Zeitalter Religion zum Kampf- und Abwehrmittelmittel, „um die sich radikalisierenden Proletarier eines Besseren zu belehren“ (S. 49). Noch mehr als die evangelischen Arbeitervereine konnte die katholische Arbeiterbewegung „eine flexiblere Haltung gegenüber dem Anliegen der Arbeiter“ einnehmen (S. 51), besonders aufgrund der katholischen Soziallehre (S. 51-52). Es folgt eine Abhandlung, die mit sozialdemokratischem Atheismus, August Bebel und dem Stichwort Schulstreit aufwartet (S. 52-55), um recht unvermittelt zum kirchenfreundlichen Godesberger Programm der SPD von 1959 überzugehen (S. 56). Das rasante Anwachsen der Konfessionslosen in der DDR war nicht allein Folge systemimmanenter Religionspolitik (S. 58-61), sondern auch zurückzuführen auf „Modernisierungseffekte, die auch in anderen vergleichbaren Ländern auftraten“ (S. 60). Der Auffälligkeit der hohen Konfessionslosigkeit in der DDR stand „die signifikante Zunahme der Muslime in der BRD“ gegenüber (S. 61).

Die „Religionsgeschichte des Christentums“ (S. 63-121), Teil vier, bezieht sich auf die Hauptkonfessionen, beginnend mit Wesen, Selbstverständnis, Aufbau und Glaubensleben der katholischen Kirche. Der Katholizismus lebt „eine betont sakramentale Frömmigkeit“ (S. 70), hat bezüglich sinnlicher Erfahrungen „eine abwechslungsreiche Gottesdienstchoreographie“ zu bieten (S. 72) und ist nicht homogen und schon gar nicht monolithisch verfasst. Katholische Kirche kann Heimat für Heiligen-Verehrer sein wie auch für Karteikasten-Gläubige, die „generell wenig Interesse an theologischen Problemen der kirchlichen Dogmatik“ zeigen (S. 75). In Deutschlands Vergangenheit macht Junginger nimmermüde Bischöfe aus, die „die segensreiche Wirkung des Ersten Weltkriegs herauszustellen“ versuchten (S. 77). Krieg war Bewährungsprozess, der Katholiken von Staatsbürgern zweiter Klasse zu 'richtigen Deutschen' werden ließ. 'Gerechter Krieg' galt überall, auf deutscher Seite brach jedoch eine geradezu „aggressive Rhetorik aus, die das Töten und Getötetwerden religiös überhöhte“ (S. 78). Nicht anders im Zweiten Weltkrieg, wo katholische Bischöfe auf Hitlers Ostfeldzug „geradezu emphatisch reagierten“ (S. 82). Bei den evangelischen Kirchen beginnt der Autor mit Zahlenwerk. Die Kirchen sind heute stark im Nordwesten Deutschlands und schwach im Osten und in Bayern (S. 87-89). Junginger schreibt über reformatorische Tradition, geschichtliche Entwicklung und Organisation und Bekenntnis (S. 90- 110). Im Protestantismus rückt das Gewissen des Individuums in den Mittelpunkt – geistig abstrakt und wenig sinnlich. Die ecclesia invisibilis konzentriert sich abseits emotionaler Rituale und Gesten „auf den praktischen Nutzen der Religion“ (S. 92). Die Freiheit des Christenmenschen war es, die dabei „den Protestantismus zur modernismusaffinen Konfession des Christentums par excellence“ machte (S. 94). Doch auch Protestantismus ist uneinheitlich. Jungingers geschichtlicher Kurzdurchlauf führt reformierte Kirchen, Lutheraner und Unionskirchen auf (S. 96-100). Schon gar nicht einheitlich traten Protestanten im Nationalsozialismus auf, man denke an den Streit zwischen Bekennender Kirche und den Deutschen Christen (S. 102). Die Stärke der evangelischen Kirche, Junginger spricht von der „Fähigkeit zur Adaptation an die Moderne“ (S. 108), birgt zugleich Gefahr, konturlos zu werden, zumindest „das richtige Maß zwischen zu wenig und zu viel Anpassung“ aus den Augen zu verlieren (S. 110). Der Vollständigkeit halber werden noch „andere christliche Kirchen“ aufgeführt, darunter orthodoxe Kirchen, Freikirchen und christliche Sondergemeinschaften (S. 110-120).

Das vorletzte Kapitel, „die nichtchristliche Religionsgeschichte Deutschlands“, teilt sich hauptsächlich in Judentum und Islam auf (S. 122-132). Judenemanzipation im Kaiserreich bedeutete Aufbegehren gegen Anpassungszwang und soziale Diskriminierung. Zugleich sahen sich auch Juden dem Phänomen der Moderne konfrontiert, „alte Zöpfe, die nicht mehr in die Zeit passten, sollten abgeschnitten“ werden (S. 124). Doch Ressentiments gegen Juden blieben, mit allen mörderischen Folgen des Rassenantisemitismus im 20. Jahrhundert (S. 126-127). Hinsichtlich des Islams in Deutschland weiß Junginger von Vielfalt zu berichten (S. 129-130), spricht aber auch Islamfeindlichkeit und -kritik an (S. 130-131). „Antiislamische Vorurteile“, gar „antiislamische Wut“ (S. 130) in die Mitte der deutschen Bevölkerung zu verorten, ist hingegen unsachlich und selbst Teil jener „unseriösen Verallgemeinerungen“, die der Autor Islamkritikern gern vorwirft (S. 131). Zuletzt noch ein Anhängsel mit Geschichtlichem zu asiatischen Diasporareligionen, Esoterik, Freireligiösen und Humanisten (S. 132-140).

Im Schlusskapitel werden „allgemeine Trends und Entwicklungslinien“ aufgezeigt, womit Religionsfreiheit, die Ambivalenz des Religiösen und vor allem der Religionspluralismus gemeint sind (S. 142-151). Junginger resümiert: deutsche Religionsgeschichte in der Moderne hat „Religionsfreiheit als ihr zentrales Thema“ (S. 142), die es gegenüber kirchlichem Weltanschauungsmonopol zu erkämpfen galt. Aus Religionsfreiheit erwächst Religionspluralismus, der Nichtreligiöses, aber auch Spaß- oder Fakereligionen mit einbezieht (S. 145-147). Was für die Institution Kirche daraus erwächst, stimmt nachdenklich, denn „widersteht sie dem Zeitgeist, verliert sie an Zuspruch; passt sie sich ihm an, verliert sie an Substanz“ (S. 148).

Die Kunst, gute Geschichtsbücher zu schreiben, liegt im Weglassen. Horst Jungingers Überblicksdarstellung kann man nur als gelungen bezeichnen. Religionsgeschichte überzeugt hier durch umfassende Information, aber auch durch Kürze in der Darstellung. Stichwortkästen und Quellenauszüge fügen sich treffend ein, ebenso weiß Junginger seinen historischen Streifzug mit Kartenmaterial, Fotos, Tabellen und Diagrammen gut zu komplettieren. Mit der Abbildung von Karikaturen bleibt sogar Raum für Humor. Dass deutsche Religionsgeschichte nicht dröger Füllstoff bleiben muss, beweist dieser Band. Für Studierende wie auch für historisch Interessierte ein Gewinn.

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