Titel
Verhängnisvoller Wandel
Untertitel
Ansichten aus der Provinz 1933-1949. Die Fotosammlung Biella
Rezension

Die beiden Hamburger Wehrmachtausstellungen und ihre Diskussion und der sogenannte visual turn haben die Zeitgeschichtsschreibung um eine wichtige mediale Dimension erweitert und vertieft, die Bildgeschichte. Seitdem sind eine Reihe interessanter und neuer Bildbestände erschlossen und sehr gut aufgearbeitet worden, mit großem Gewinn für das ‚Bild‘ vom 20. Jahrhundert insgesamt. Mit dem vorliegenden Band haben Herausgeber Thomas Medicus sowie die Autorinnen und Autoren nun Alltag und Inszenierung des NS-Regimes in der Provinz in einer gewinnbringenden Art freigelegt und analysiert.

Es war der Fund eines umfangreichen lokalen Fotobestands, der den Anlass zu dem Band gab. Insgesamt circa 2500 Fotos eines örtlichen Fotostudios aus den Jahren 1933 bis 1949 sind Ausgangspunkt der acht thematischen Beiträge. Solche Fotokonvolute sind keine Sensationsfunde mehr, gibt es doch mehrere solcher Überlieferungen. Zu etwas Besonderem werden diese Fotos jedoch durch den Ort, an dem sie entstanden sind – es sind Fotos aus dem mittelfränkischen Gunzenhausen, dem Stammland Julius Streichers, wo es schon 1934 einen gewaltsamen Pogrom mit Todesopfern gegeben hat. Dieser selbst ist nicht visuell dokumentiert, die Verdrängung der Juden hingegen schon.

Gunzenhausen steht jedoch nicht nur exemplarisch für die Ausgrenzung der Juden, die landauf landab erschreckend schnell, reibungslos und fast selbstverständlich ablief. Anhand verschiedener Themen, die anhand eines Teils der Fotos behandelt werden, zeigt sich auch und vor allem die wahrhaft alltägliche Durchdringung des Lebens der ‚Volksgenossen‘ in der Provinz. Dort war die Etablierung des Nationalsozialismus, die Ausgrenzung und Verfolgung aller ‚Gemeinschaftsfremder‘, ihre Verhaftung, Aburteilung oder Ermordung kein anonymes Treiben unbekannter Täter. Gunzenhausen war mit einem Wähleranteil der NSDAP in den Märzwahlen 1933 von 67,1 Prozent sicherlich ein besonderer Fall – allerdings nicht in den Mechanismen und Erscheinungsformen des Regimes wie sie sich – mitunter erst nach einem sehr genauen Blick und einer umfassenden Kontextualisierung – in den Fotos des Fotostudios Biella zeigen. Warum Gunzenhausen neben anderen mittelfränkischen Orten hier eine Vorreiterrolle innehatte erklären weder die Fotos noch die Beiträge des Buches.

Aber sie bringen die „visuelle Chronik einer Kleinstadt“ (S. 65), wie Sandra Starke und Linda Conze die Fotosammlung nennen, zum Sprechen und zeigen zugleich Möglichkeiten und Grenzen eines visuellen Zugangs auf, angefangen mit der Tatsache, dass wegen der noch geringen Verbreitung privaten Fotografierens die „Entscheidung über Abbildungswertes, zu Bewahrendes und zu Erinnerndes […] wenigen Menschen [oblag], deren Kameras sie mit einer gewissen Deutungsmacht ausstatteten“ (S. 66).

Die Bilder zeigen ein enormes Ausmaß an öffentlicher Inszenierung von Regime und Volksgemeinschaft gerade in den Anfangsjahren, deren Bedeutung für die Machtdurchsetzung und Durchdringung des Alltags und Denkens kaum hoch genug veranschlagt werden kann. Zu zentralen Ergebnissen kommt Ulrike Jureit in diesem Zusammenhang in ihrem instruktiven Beitrag über „Bilder einer unheimlichen Verwandlung“: „Die Wirkung der anwesenden Masse beruhte dabei stets auf der diffusen Vermutung des Einzelnen, dass alle anderen von dem, was dort jeweils zu sehen, zu hören und zu erleben war, zutiefst überzeugt schienen“ (S. 113). Auch so wurden aus Distanzierten, aus Skeptikern schließlich Angepasste und Überzeugte. Mit jedem Aufmarsch, ließe sich leicht zugespitzt zusammenfassen, erodierte die Abwehrhaltung der Minderheit und wuchs die Zustimmung der Mehrheit. Dies zeigt sich, wenn man so will, optisch in den Fotos an der zunehmenden Uniformierung der Kleinstadt-Gesellschaft und der dichter werdenden Beflaggung des Stadtbildes.

Der Band führt in seiner Vielschichtigkeit und analytischen Schärfe wichtige Aspekte der NS-Herrschaft ebenso wie Bereiche der Zeitgeschichstforschung vor Augen – die Provinz als wesentlicher Ort der Herrschaftsdurchsetzung und -sicherung sowie der Ausgrenzung und Einbindung gepaart mit der visuellen Konstruktion und Hinterlassenschaft der Volksgemeinschaftsideologie. Bei aller analytischen Schärfe der Bildbetrachtung und Interpretation darf dabei natürlich nicht aus dem Blick geraten, was visuell weit weniger oder gar nicht inszeniert wurde – die direkte körperliche und psychische Gewalt gegen ‚Rassefeinde‘ und schließlich ihre Vernichtung. Diese Grenzen jedoch liegen in dem vorzüglichen Band, der naturgemäß reich bebildert ist, offen zutage und werden zur Sprache gebracht.

Zurück