Titel
Mordechaj Chaim Rumkowski. Prawda i Zmyślenie
Rezension

Mit großer Spannung hat die Rezensentin auf die schon seit einiger Zeit angekündigte Studie von Monika Polit über Mordechai Chaim Rumkowski, den bekannten „Judenältesten von Litzmannstadt-Getto”, gewartet. Viel wurde bereits im Getto, nach dem Krieg und bis heute über diesen vermutlich bekanntesten und umstrittensten Vorsitzenden einer jüdischen „Selbstverwaltung“ in einem Getto unter deutscher Besatzung geschrieben und gestritten.

Monika Polit tritt nun an, das meiste, was bisher über Rumkowski geschrieben wurde, als falsch zu überführen. Sie tut dies in einem polemischen Ton, der leider viele ihrer spannenden Erkenntnisse etwas in den Hintergrund treten lässt. Gleich zu Anfang stellt sie fest, seit Jahren hätte sich kein Historiker oder Literaturwissenschaftler um eine Neuinterpretation des stets allzu negativ dargestellten Rumkowski bemüht. Auch hätten sämtliche Historiker immer nur die Informationen aus den frühen jiddischen Arbeiten von Wolf Jasni und Isaiah Trunk zur Vorkriegsbiografie übernommen, ohne eigene Recherchen zu diesem Thema anzustellen. Das ist vielleicht richtig, aber in unseren – die Rezensentin gehört zur Menge der Beschuldigten hinzu – Arbeiten stand diese Vorkriegsgeschichte auch nicht im Mittelpunkt, sondern unsere Recherchen konzentrieren sich auf die Zeit der Verfolgung. Dies zieht sich durch: Immer wieder kritisiert Polit andere Autoren, ohne zu berücksichtigen, dass diese mitunter ganz andere Fragestellungen bearbeitet haben.

In der Erforschung des Vorkriegslebens Mordechai Chaim Rumkowskis liegt eine große Stärke der vorliegenden Arbeit, so detailliert wurde dieses noch nie dargestellt. Offenbar war Rumkowski bereits vor 1939 in gesellschaftlichen Bereichen viel aktiver als bisher angenommen. Und aus dieser Haltung war es für ihn vermutlich folgerichtig zu bleiben und die Stellung als Judenältester und damit die Verantwortung anzunehmen. Es ist gut und richtig, manch schiefes Bild von Rumkowski zu korrigieren.

Doch ist die Polemik, mit der die Autorin dies tut, fehl am Platz, und dies auch und vor allem angesichts manch eigener Mängel. Eines der aus Sicht einer deutschen Holocaustforscherin am schwersten wiegenden Probleme sei gleich vorweg gesagt: Offensichtlich hat Polit die deutschsprachige Forschung zum Getto Lodz/Litzmannstadt und die dort vorgenommenen Wertungen Rumkowskis nicht wirklich zu Kenntnis genommen, kennt jedenfalls deren Inhalte nicht. Von jedem deutschen jungen Forscher, der zur Judenverfolgung im besetzten Polen arbeiten will, wird inzwischen verlangt, dass er in der Lage ist, polnische Quellen und polnische Literatur zu rezipieren. Das ist gut und richtig so und ich selber habe mir die Mühe gemacht, für meine Arbeit über das Getto Lodz vor vielen Jahren Polnisch zu lernen. Das selbe kann dann aber auch von einer polnischen Autorin anders herum verlangt werden, zumal viele der von ihr benutzten Quellen im Original auf deutsch verfasst wurden (dies gilt für weite Teile der Gettochronik, aber auch für manche Tagebücher).

Sehr selektiv ist mitunter der Umgang Monika Polits mit Quellen: Zitiert wird, was ihre Thesen stützt, all die anderen Selbstzeugnisse werden entweder gar nicht berücksichtigt oder in die Anmerkungen verdammt.

Einem Kapitel, in dem Polit die Reden des Judenältesten analysiert, folgt eine Untersuchung der Darstellung Rumkowskis in den Aufzeichnungen Szmul Rozensztajns, der von ihm verantworteten Geto-Cajtung und der Gettochronik. Ähnlich hart wie mit den Kritikern Rumkowskis geht Polit auch mit den Kritikern von seinem engen Mitarbeiter Szmul Rozensztajn ins Gericht, dessen Aufzeichnungen aus dem Getto sie selbst vor einiger Zeit dankenswerterweise aus dem Jiddischen ins Polnische übersetzt und herausgegeben hat. Sie analysiert sie ausführlich.

Monika Polit stellt dar, dass Rumkowski offenbar darauf vorbereitet war, nach dem Krieg mit Vorwürfen konfrontiert zu werden, doch habe er, so sagte er mehrfach, keine Angst davor. Er habe sich selbst als potenziellen zukünftigen Angeklagten, aber vor allem als wichtigsten Zeugen der Geschichte des Gettos gesehen. Hier zitiert Polit u.a. aus den Erinnerungen eines Stiefsohnes Rumkowskis, Edward Klein. An anderer Stelle erwähnt sie die interessante Geschichte von der Adoption dieses zweiten Stiefsohnes (in der Literatur war zuvor lange nur von einem die Rede) eher beiläufig. Das ist ein bisschen schade, diese Details aus dem Leben Rumkowskis im Getto wären ein eigenes Kapitel wert gewesen, das ist interessant und berichtenswert.

In der Diskussion der Darstellung Rumkowskis in der Gettochronik schreibt Polit unter Berufung auf den überlebenden Archivmitarbeiter Bernard Ostrowski, es könne keine Rede davon sein, dass der Judenälteste interveniert und die Autoren „terrorisiert“ hätte (S. 134). Davon konnte sicherlich keine Rede sein und daher ist auch fast nie davon so drastisch die Rede. Polit bringt selbst nur einen Beleg. In den Einleitungstexten weder der polnischen noch der deutschen Edition der Gettochronik wird dies behauptet und ich selbst habe in meiner vor sieben Jahren veröffentlichten Arbeit über das Getto geschrieben: „Ostrowski hatte den Eindruck, dass Rumkowski sich dafür nicht sonderlich interessierte und die Texte meist gar nicht las. Er erinnerte sich an keine einzige Meinungsverschiedenheit zwischen dem Judenältesten und den Chronisten“ (Andrea Löw, Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten, Göttingen 2006, S. 397). Man fragt sich beim Lesen also manchmal verwundert, gegen wen Monika Polit da eigentlich so wütend anschreibt und warum.

Ihre folgende Einschätzung, die Autoren der Chronik hätten Rumkowski auch in ihren privaten Texten nicht kritisiert, ist schlichtweg falsch. Die Reportagen von Józef Zelkowicz und Oskar Singer sind hier als Beleg kaum geeignet, sind es doch auch – wie Polit selbst eingesteht – Texte, die Eingang in das Archiv gefunden haben. Das – in der Tat privat geführte – Tagebuch von Oskar Rosenfeld ist nun, anders als von der Autorin dargestellt, gerade kein Beleg. Zwar stimmte Rosenfeld durchaus mit der prinzipiellen Strategie Rumkowskis („Rettung durch Arbeit“) überein. Doch finden sich in seinem Tagebuch eben auch Passagen wie die folgende Charakterisierung des Judenältesten: „Der Alte. Der primitive Subalterne, plötzlich zur Macht gekommen, nur den einen Wunsch: sich an der Macht zu halten. Hätte er Verständnis für Politik gehabt und gewußt, was für Partner, hätte er staatsmännisches Talent besessen, verhandelt, gedroht, erpreßt, erschmeichelt, ertrotzt – so wäre vieles nicht geschehen“ (Oskar Rosenfeld, Wozu noch Welt. Aufzeichnungen aus dem Getto Lodz, hrsg. von Hanno Loewy, Frankfurt am Main 1994, S. 415. Siehe auch ebd., S. 203 und S. 226).

An diesen Einschätzungen der Texte Singers und Rosenfelds zeigt sich wiederholt, wie wichtig die Einbeziehung deutscher Forschungen gewesen wäre. Die zentrale Arbeit zu diesen beiden Autoren stammt aus der Feder des Gießener Literaturwissenschaftlers Sascha Feuchert. Dieser wiederum ist einer der Herausgeber der deutschen Ausgabe der Gettochronik. Diese Edition, die übrigens in einer deutsch-polnischen Kooperation entstanden ist, ist Polit allerdings nur eine polemisierende Fußnote wert (S. 206).

Ein ausführliches Kapitel widmet Monika Polit den Bittbriefen, Einladungen, Danksagungen und Glückwunsch-Schreiben, die an den Judenältesten über sein Sekretariat gerichtet wurden. Dies sind spannende Quellen und es ist gut, dass sie in dieser Arbeit in den Blickpunkt gerückt werden. Polit versucht, die Schreiben und ihre Verfasser psychologisch zu analysieren. Hier sind sicherlich spannende Ansätze in der Arbeit – doch direkt im nächsten und letzten Kapitel setzt die Autorin ihren verbalen Kampf gegen nahezu alle, die jemals über Rumkowski geschrieben haben, fort.

Nun geht es gegen Romanautoren. Hier verwundert es ein bisschen, dass ausgerechnet eine Literaturwissenschaftlerin den Romanciers vorwirft, welche Wahrheiten und Fakten sie nicht recherchiert und herausgefunden hätten. So fragt sie, ob es Andrezj Bart in seinem Roman „Die Fliegenfängerfabrik“ (dt. 2011) gelungen sei, endlich zu erzählen, wer Mordechai Chaim Rumkowski war. Außerdem seien die von Bart benutzten Selbstzeugnisse doch alle schon bekannt. Darum geht es aber doch gar nicht, es handelt sich um eine weitere – wie ich finde, spannende, aber das ist Ansichtssache – literarische Auseinandersetzung mit Handlungsspielräumen und wie sie genutzt wurden. Polit wirft dem Autor vor, was er nicht über Rumkowski weiß und gibt Hinweise, wo er hätte suchen sollen. Doch hat Bart ganz bewusst die Fiktion als seine Form der Auseinandersetzung gewählt, gerade weil es ihm nicht um neue Fakten geht, sondern um eine mögliche Interpretation der schwierigen und widersprüchlichen Situation, in der Rumkowski sich befand. Literatur darf das und dass sie das darf, ist großartig. Ein noch schärferer Verriss gilt dem Roman des schwedischen Autors Steven Sem-Sandberg (Die Elenden von Łódź, dt. 2011). Auch Leslie Epstein, der sich schon vor drei Jahrzehnten in einem Roman mit Rumkowski auseinandersetzte (King oft he Jews, 1979), wirft die Autorin einen zu freien Umgang mit den Fakten vor. Um nicht missverstanden zu werden: Man muss diese Romane nicht mögen – aber die hier geäußerte sehr scharfe Kritik geht am Kern der Sache dann eben doch vorbei.

Am Ende bleibt die Rezensentin etwas ratlos zurück. Zum einen hätte ich mir mehr neue Informationen über das konkrete Gettoleben des Judenältesten gewünscht, vielleicht auch eine breitere Diskussion seiner Interpretationen, Handlungsspielräume und Strategien. Der Rahmen, innerhalb dessen Rumkowski agierte, findet zu wenig Berücksichtigung. Symptomatisch hierfür: Der Leiter der deutschen Gettoverwaltung, Hans Biebow, wird erstmals in der Mitte des Buches erwähnt. Zum anderen ist es schwierig, eine Untersuchung mit der gebotenen Sachlichkeit zu besprechen, wenn der Ton des zu rezensierenden Buches derart polemisch ist.

(Die Rezension ist die deutsche Fassung einer in dem Jahrbuch „Zagłada Żydów“ in Kürze erscheinenden polnischen Übersetzung.)

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