Titel
Fachsprachenlinguistik
Untertitel
Warschauer Studien zur Germanistik und zur Angewandten Linguistik, Bd. 1
Rezension

Der Band, mit dem wieder einmal der Anfang einer neuen Buchreihe gemacht wird, setzt sich das anspruchsvolle Ziel, 'ein Integrationsmodell für eine Fachsprachenlinguistik zu erstellen, die sich mit wirklichen Fachsprachen befasst' (S.14). Solche integrativen Modelle sind in der Fachsprachenlinguistik nichts Neues ' die innovative Grundlage bildet in diesem Falle 'die anthropozentrische Theorie der wirklichen Sprachen von F[ranciszek] Grucza' (ebd.), dem Vater des Autors.

Die ersten beiden Teile der Arbeit machen etwa deren Hälfte aus und umfassen historische Abrisse der Fachsprachenforschung und der wissenschaftlichen Diskussion im Problemfeld von Sprache und Erkenntnis. Die Argumentation des Autors läuft im Wesentlichen darauf hinaus, dass viele bestehende Konzepte und Modelle sachlich und sprachlich disqualifiziert werden, da sie den Menschen als sprachlich kommunizierendes Subjekt nicht in das Zentrum ihrer Argumentation stellten (auf eine Auseinandersetzung mit dieser Kritik muss im Rahmen dieser Besprechung aus Gründen der gebotenen Sachlichkeit verzichtet werden). Abhilfe des (vermeintlichen) Defizits verspreche nun allein die 'Anthropozentrische Linguistik', deren Grundlagen im dritten Teil referiert und auf fachliche Kommunikation adaptiert werden. Der vierte und letzte Teil befasst sich dann mit dem Gegenstand und den Aufgaben einer anthropozentrischen Fachsprachenlinguistik.

Den Kern des vorgestellten Konzepts bilden sog. 'Fachidiolekte', verstanden als 'immanente, integrale und bestimmende Eigenschaften konkreter Fachleute' bzw. als 'spezifische Eigenschaften (Konstituenten) der Gehirne dieser Fachleute' (S.129). Solche Fachidiolekte ließen sich nun als Rekonstruktion (S.132) aus konkreten Fachtexten ermitteln und jeweils durch die Bildung einer 'Schnittmenge' als 'Polilekt' fassen (S.129). Ohne auf die diversen epistemologischen und methodologischen Probleme von Idiolektkonzeptionen hinreichend einzugehen, werden diese strukturellen und physiologischen Konzepte in einem weiteren Schritt mit generativen und pragmatischen Modellen sprachlicher Kompetenz in Verbindung gebracht, indem ein Fachidiolekt etwa als 'kognitive und kommunikative Fachsprachenkompetenz' (S.143) charakterisiert und daraufhin ein wenig differenziert wird. ' Von solchen vagen konzeptionellen Verbindungen abgesehen, vermittelt diese Argumentation kaum etwas Neues für die fachsprachenlinguistische Bildung von Theorien und Modellen.

Einen solchen Eindruck hinterlassen im Weiteren auch die Überlegungen zu Gegenstand und Aufgaben der Fachsprachenlinguistik. So wird die 'allgemeine Form des Gegenstandes der Fachsprachenlinguistik' (S.184) wie folgt definiert (wobei 'FM' für 'Fachmann', 'E(FS)' für 'Element einer Fachsprache (eines Fachidiolekts)' und 'R(FS)' für 'Relation zwischen den in Frage kommenden Eigenschaften E(FS1' ... 'E(FS)Y' 'bestimmter Fachleute' steht; vgl. ebd.):

{FM1 ... FMX; E(FS)1 ... E(FS)Y; R(FS)1 ... R(FS)Z}

Ohne auf die Art und den Sinn dieser Darstellung im Einzelnen einzugehen, ist festzuhalten, dass hiernach der Gegenstand der Fachsprachenlinguistik in den fachlichen Experten selbst, diversen fachsprachlichen Charakteristika und deren Beziehungen untereinander zu sehen ist (auch die weiteren Ausführungen vermögen diesen Befund kaum zu differenzieren; vgl. S.185f.). Die 'Aufgaben der Fachsprachenlinguistik' (S.189) werden schließlich in drei Gruppen unterteilt, die ebenfalls nur wenig ausgeführt werden (vgl. S.189'195): 'diagnostische' bzw. synchron-deskriptive Ansätze als Zentrum und Ausgangpunkt jeder Analyse sowie 'anagnostische' bzw. historische und 'prognostische' bzw. optimierende Ansätze, die sich hieraus ableiten ließen.

Im Ganzen betrachtet, stellt das vorliegende Werk vielleicht eine gelungene konzeptionelle Adaption einer anthropozentrischen Linguistik auf die allgemeine Fachsprachenlinguistik dar. Ob hierbei andere Konzeptionen und Modelle adäquat rezipiert und integriert sowie innovative Ansätze für die Fachsprachenlinguistik selbst entwickelt werden, darf bezweifelt werden.

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