Titel
Bergen-Belsen
Untertitel
Tagebuch eines Jugendlichen 11.7.1944 - 30.3.1945
Rezension

Insgesamt 30 Tagebücher sind aus Bergen-Belsen überliefert. Eines dieser unmittelbaren Zeugnisse aus der Lagerzeit stammt von Arieh Koretz, 1928 in Hamburg als Sohn eines Rabbiners geboren. Nachdem der Vater 1933 zum Oberrabbiner von Saloniki berufen wurde, ging die Familie nach Griechenland. Als die deutsche Wehrmacht im April 1941 in Saloniki einmarschierte, gerieten damit auch etwa 50.000 Juden unter deutsche Herrschaft. Oberrabbiner Zwi Koretz wurde als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde eingesetzt, ein Amt, das er zwei Jahre lang ausführte. Im August 1943 wurden Koretz und seine Familie, auch der 15-jährige Arieh, gemeinsam mit anderen Angehörigen der jüdischen Gemeinde sowie der jüdischen Polizei nach Bergen-Belsen verschleppt.

Über einen Zeitraum von nahezu acht Monaten führte der Junge im Lager ein Tagebuch; aus Angst vor der Entdeckung durch deutsche Wachleute schrieb er Griechisch. Jahre später, 1991, hat der heute in Israel lebende Koretz seine Aufzeichnungen selbst übersetzt. Diese hebräische Fassung liegt der vorliegenden deutschen Übersetzung von Gerda Steinfeld zugrunde. Thomas Rahe hat die Ausgabe mit einer informativen Einleitung über den Verfasser des Tagebuchs und die Geschichte des Lagers Bergen-Belsen versehen. Wie Arieh Koretz, der 2010 für seine Verdienste um die deutsch-israelischen Beziehungen mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse geehrt wurde, in seinem Nachwort schreibt, hatte er seine Tagebuchhefte die ganze Lagerzeit über in einem Beutel gemeinsam mit Gebetsmantel, -riemen und einem Gebetbuch aufbewahrt.

Der Junge dokumentiert, beginnend am 11. Juli 1944, sehr sachlich und anfangs recht nüchtern das Lagerleben: Er schreibt über das Wetter, über die täglichen Appelle und die Arbeitsbedingungen der Häftlinge sowie über seinen Gesundheitszustand. Gegen Ende spitzt sich die Lage in Bergen-Belsen immer mehr zu; der Junge berichtet eindrucksvoll über die unerträglichen Bedingungen im überfüllten Lager. So notiert er am 27. März 1945: 'Der Hunger im Lager wird immer schlimmer. Der Zustand der Häftlinge, die vor Kurzem angekommen sind, ist weitaus schlimmer. Es ist eine richtige Tragödie. Kaum vorzustellen. Sie sind in ihren provisorischen Gefangenenlagern eingeschlossen, stehen draußen im Freien an den Drahtzäunen und schreien nach Essen.' (S. 164f.)

Vom 30. März datiert der letzte Eintrag. Der Junge ist verzweifelt: 'Den ganzen Tag über habe ich im Bett gelegen. Die Gedanken drehen sich nur ums Essen. ' Man wartet und weiß nicht, auf was man wartet.' (S. 169)
Keine zwei Wochen später, am 10. April, wurde Arieh Koretz gemeinsam mit seiner Familie mit dem Zug aus Bergen-Belsen fortgebracht. In Tröbitz, in der Nähe von Torgau, wurden sie befreit. Sein Vater hatte sich mit Typhus infiziert und starb am 3. Juni. Arieh Koretz gelangte mit seiner Schwester und seiner Mutter auf einer über anderthalb Monate dauernden Fahrt zurück nach Saloniki; Ende 1946 erreichten sie auf einem illegalen Schiffstransport Palästina. Sein Leben nach dem Krieg ' er arbeitete als Anwalt und Notar und war von 1998 bis 2007 Präsident der deutsch-israelischen Juristenvereinigung ' ist am Ende des Bandes in mehreren Fotografien dokumentiert.

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