Titel
Der Kampf um die europäische Erinnerung
Untertitel
Ein Schlachtfeld wird besichtigt
Rezension

Will die Europäische Union ' das europäische Projekt ' aus der Legitimationskrise heraus kommen und auch nach außen handlungsfähiger werden, gehört dazu auch der Bezug auf die ' im doppelten Sinne ' 'geteilte' Erinnerung Europas. So lässt sich ' gewiss überspitzt ' die Hauptthese des neuen Buchs von Claus Leggewie und Anne-Katrin Lang zusammenfassen. Darin lädt er zur 'Besichtigung' des 'Schlachtfeldes' der europäischen Erinnerung ein. Und wer ihm folgt, der wird nach der Lektüre zwar einerseits mit sehr vielen offenen Fragen zurückbleiben, sich aber andererseits besser informiert und inspiriert auf die Suche nach Antworten machen können.

Die 'geteilte' Erinnerung in Europa ist eine Konflikt- und Gewalterinnerung. Bedeutet dies nicht unweigerlich Streit, statt Zusammenzuführen oder Einen? Diesem vordergründigen Einwand begegnet das Buch überzeugend, ohne jedoch den Anspruch, den seine Überwindung mit sich bringt, hinter einem überraschend optimistischen Grundton verschwinden zu lassen.

Den vier Grundmodi kollektiver Erinnerung nach Konflikten (nach Statis Kalyvas) ' Exklusion, Inklusion, Kontestation, Beschweigen ' entsprechen diverse Gedenkformen (Gedenktage, Debatten, Monumente), die der Analyse konkreter Beispiele zugrunde liegen.

Zunächst versucht Leggewie jedoch eine Antwort darauf, was eigentlich den Gegenstand europäischer (Konflikt-)Erinnerung bildet und schlägt dafür sieben Kreise vor: Holocaust, GULag, Ethnische Säuberungen, Kriege und Krisen, Kolonialverbrechen, Migration und Europäische Integration. Die kurze Beschreibung der jeweiligen Kreise ist schlüssig und nachvollziehbar, vor allem wird immer wieder deutlich, wie sehr auch von einer Entwicklung nicht direkt betroffene Länder von ihrer Integration in ihren Gedächtnisraum profitieren würden.
Der spannendste Teil des Buches sind jedoch die 'Geschichtsreportagen' zu Erinnerungskonflikten und geschichtspolitischen Debatten, deren Reiz nicht zuletzt darin liegt, dass sie in der europäischen Peripherie stattfinden und trotzdem (oder gerade deswegen) Botschaften für alle Europäer bereithalten sollen. Ob es um den Holomodor in der Ukraine, die Kollaboration nationalistischer Bewegungen mit den Nationalsozialisten in den baltischen Ländern, den Konflikt auf dem Balkan geht, immer wieder wird einerseits das 'Dilemma des europäischen Gedächtnisses' (Henry Rousso) deutlich, zeigt die kritische und aufklärerische 'Besichtigung' Leggewies aber auch auf, welche Wege aus dem Dilemma herausführen könnten. Gut gelingt ihm dies bei der allzu nachlässigen Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit am Beispiel des Museums in Tervuren bei Brüssel ' wobei er hier besonders nachdrücklich erkennen lässt, wie viel mit einer europäischen Auseinandersetzung mit diesem Komplex zu gewinnen wäre. Ebenso überzeugen die Schilderungen zum 'Einwanderungskontinent' Europa, die die Fragen der musealen Darstellung eines per Definition sehr vielschichtigen Themas in den Vordergrund rücken.

Ein großes Manko ist jedoch die normative Aufladung dieses Hauptteils, der an einigen Stellen fast im Gewand einer politischen Willenserklärung daher kommt; ein wenig mehr nüchterne und analytische Zurückhaltung wäre wünschenswert gewesen.

Der abschließende Blick auf die Vorbereitungen zum Haus der Geschichte Europas in Brüssel ' das vom Europäischen Parlament maßgeblich getragen wird ' offenbart jedoch (typische?) Mängel eines (typischen?) europäischen Elitenprojekts, eine Gefahr, die so gar nicht zu dem bereits erwähnten optimistischen Grundton des Buches passen will. Die bewusste Verhinderung einer öffentlichen Debatte liegt zu der von Leggewie postulierten aufgeklärten, kritischen, aber auch Konflikte nicht scheuenden Auseinandersetzung offensichtlich quer.

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